Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1876)
- Date
- 1876-10-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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943 zu schildern, daß auch Hermine trotz ihrer Schmerzen zuweilen lächeln mußte. Endlich hielt der Zug, die Residenz war erreicht. Am Bahnhof hielt die telegraphisch beorderte Equipage der Gräfin und wie der Sanitäts- Rath vorausgesagt, seit ihrer Abreise von der Brandstätte waren kaum anderthalb Stunden verflossen und schon war Hermine in ihrem prachtvoll ausgestatteten Boudoir im gräflich Starembergschen Palais zur Ruhe gebracht. Zur Ruhe gebracht? — Ruhe fand sie auch hier nicht. Zudem stellte sich die entsetzliche Vision, die ihr am vorigen Tage schon Qualen bereitet, wieder ein. Ob sie die Augen schloß oder sie öffnete, wohin sie schaute, wohin sie sich wendete, überall die Leiche ihres Vaters, bald grinsend ihr zunickend, bald drohend ihr fluchend. — Ihre Aufregung wuchs von Minute zu Minute wie ihre Schmerzen, ihre Kräfte nahmen mit furchtbarer Rapidität ab. Sanitätsrath Wolter, die drohende Gefahr erkennend, hatte noch zwei seiner Collegen zu Rathe gezogen, um dem Grafen gegenüber die Verantwortlichkeit nicht allein zu tragen; er selbst war von der Ohnmacht der ärztlichen Kunst in diesem Falle vollkommen überzeugt. In namenlosen Qualen verstrichen die Stunden — die Leiche des Vaters schien Hermine setzt immerwährend zu winken. „Nein, nein," murmelte sie schaudernd, „ich will nicht! fort!" aber die Vision wich nicht. „„Frau Gräfin befehlen?"" fragte der Arzt, sich zu ihr neigend. „Meinen Bruder — Leo — er soll kommen — geschwind! — gleich!" — Verwundert sahen die Aerzte einander an; von dem Bruder der Gräfin hatte keiner Kunde. Wolter eilte hinaus, die Dienerschaft zu befragen; da entsann sich endlich der alte Josef des Schreibens , das er am Tage nach der Vermählung des Grafen in die Stadt befördert hatte, und unverzüglich machte er sich auf den Weg, den von seiner Herrin Ersehnten aufzusuchen. „Kommt er?" fragte Hermine, als Wolter wieder in’s Zimmer trat. „„Der Kammerdiener Josef ist fortgeeilt, hoffentlich wird Herr Werner bald hier fein."" „Er muß schnell kommen — schnell — sonst Hermine sprach nicht mehr — der Erbe von Staremberg war geboren. Eine Stunde war verstrichen. Regungslos, vollständig erschöpft lag die junge Mutter da. Der Sanitätsrath suchte sie zu ermuntern; rn warmen, tiefempfundenen Worten sprach er ihr seinen Glückwunsch aus. Ein mattes Lächeln erhellte daS Antlitz der Leidenden, als sie ihr Kind erblickte. „Telegraphiren —'* sprach sie mit Anstrengung, „dem Grafen —." „„Ist bereits geschehen,"" erwiderte Wolter, „»der Herr Graf dürfte augenblicklich schon Kunde von seinem Glücke haben und wer weiß, der alte Graf Kuno wird am Ende gesund durch die Freudenbotschaft."" „Kuno," murmelte Hermine, „Kuno Arthur Viktor von Staremberg!" — Im Nu war die Leiche wieder vor ihren Augen und nickte ihr grinsend zu. „Fort!" stammelte Hermine, „Leo! Leo! hilf! — kommt er?" wandte sie sich an Wolter. „„Ich will sogleich den Kammerdiener befragen;"" er wollte das Zimmer verlassen, doch die Gräfin winkte hastig abwehrend, „Josef soll kommen — hierher." Der Arzt wollte dagegen einwenden, doch sie bestand darauf, der Kammerdiener mußte in's Zimmer kommen. schüchtern blieb er an der Tbüre stehen. „Hierher!" winkte die Gräfin, „hierher!" „„Treten Sie näher,"" sagte der Sanitätsrath, „„ganz nahe zum Bett der Frau Gräfin."" Auf den Fußspitzen schlich der treue Alte herbei. „Josef," flüsterte die Gräfin, „hast Du meinen Bruder gesprochen?" „„Zu Befehl, Jhro Gnaden."" „Wird er kommen?" Seufzend schüttelte Josef das weiße Haupt. „Nicht?" stammelte Hermine, „was sagte er denn?" Verlegen zögernd schaute der treue Alte auf den Arzt. „Sprich! — antworte! —" gebot die Gräfin. „„Er sagte, er habe nicht die Ehre, die Frau Gräfin zu kennen."" Hermine stieß einen halb unterdrückten Schrei aus, ein heftiges Zittern überfiel sie; der Arzt bemühte sich um sie und winkte dem Diener, sich zu entfernen. Hermine winkte jedoch heftig, er solle bleiben. Seufzend gehorchte der Alte, gesenkten Blickes stand er da; eine Thräne glitt langsam über seine gefurchte Wange; er war seiner Herrin in Wirklichkeit von ganzem Herzen zugethan. Der Anfall ließ endlich nach; Hermine winkte dem Kammerdiener, wieder näher zu treten. Vergebens bat der Sanitätsrath, sie möge jetzt ruhen, sich nicht nochmals aufregen; sie achtete nicht darauf. „Näher — Josef — näher — noch näher —"