Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1876)
- Date
- 1876-10-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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944 Der Alte neigte sein Herkuleshaupt tief hinunter zu ihr. „Josef, Du mußt nochmals zu ihm gehen — aber geschwind — gleich — er muß kommen, hörst Du, er muß —" „„Zu Befehl, Jhro Gnaden,"" und er wollte hastig davonrennen „Warte," befahl Hermine mit großer Anstrengung, „warte — neige Dich noch näher —" Der Alte kniete nieder und brachte sein Ohr fast dicht an die bleichen Lippen der Gräfin. „Sage meinem Bruder," sprach Hermine leise, so daß außer dem Alten kein Anderer ihre Worte vernehmen konnte, „sage ihm — er möge sich erinnern der letzten Worte seines Vaters — sag' ihm, — er müsse schnell kommen — sonst ist es zu spät — sag' ihm — ich könne nicht leben und könne nicht sterben — er muß kommen — ich muß ihn sprechen — wegen meines Kindes —" Die Thränen des Dieners fielen auf die Hand der Gräfin. „Guter Alter," murmelte sie und reichte ihm mühsam die durchsichtige Rechte, „aber jetzt geh' — eile." Josef berührte mit seinen Lippen leise die Hand seiner Herrin. „„Ich bringe ihn, Jhro Gnaden, zuverlässig bringe ich ihn und sollte ich ihn auf meinen Armen hertragen müssen."" Damit stürzte er fort; der Sanitätsrath eilte ihm bis zur Thüre nach und flüsterte ihm noch einige Worte zu. Draußen umringte ihn die übrige Dienerschaft und forschte teilnahmsvoll nach dem Befinden der Herrin, doch der Alte stand nicht Rede; er ergriff den ersten besten Hut, der ihm zu Gesichte kam, und eilte die Stiegen hinunter hinaus auf die Straße. Der Abend war schon ziemlick weit vorgerückt, doch es gelang ihm, einer Droschke habhaft zu werden; er bezeichnet dem Kutscher Straße und Hausnummer. „Fahren Sie im Galopp, ich zahle doppelte Taxe." Die Pferde rannten davon; erschöpft lehnte Josef in die Wagenecke. „Er muß kommen, er muß, wenn er nur noch zu Hause ist — und wenn er nicht zu Hause ist. so werde ich ihn suchen, so lange bis ich ihn finde und mit muß er, ich laß ihn nicht aus und sollte ich ihn zu ihr tragen müssen. Arme Gräfin, arme Herrin —" und dicke Thränen glitten über die wettergebräunten Wangen des Alten. Werner's Wohnung war bald erreicht. „Warten," gebot der Kammerdiener und verließ hastig den Wagen und schaute hinauf zu den Fenstern. „Gottlob, es ist hell oben, da wird er zu Hause sein." Und so rasch es seine alten Beine gestatteten, eilte er in daS Haus die Stiegen hinan. Er war am Nachmittage dort gewesen, mit den Räumlichkeiten daher vertraut; ohne zu fragen schritt er auf Werner's Thür zu und klopfte an; doch ohne ein einladendes Herein abzuwarten trat er in's Zimmer. Werner hatte weder sein Anklopfen noch sein Eintreten bemerkt, er saß am Tische, auf dem eine Arbeitslampe brannte, ein aufgeschlagener Foliant lag vor ihm, doch sein Blick starrte in's ^!eere. Es war augenscheinlich, er hatte „lernen" wollen, aber seine Gedanken hatten ihn im Stiche gelassen. Der Ruf der Schwester hatte ihn mächtig erschüttert. — Sie war leidend und verlangte nach ihm und er hatte sich geweigert zu kommen. — Ob er recht gethan? — O gewiß, gewiß, sie, die den Glauben der Väter verleugnet, konnte er nimmer als Schwester betrachten. Die Gräfin Staremberg hatte ihn zu sich bitten lassen, die Gräfin Staremberg war nicht seine Schwester — und doch — und doch — Vor seinem innern Auge zogen vorüber die glücklichen Jahre der Jugend; wie hatten die Geschwister so treu aneinander gehangen, wie hatten sie einander so innig geliebt. — O, sie liebten einander noch, das erkannte er an ihrem Ruf — das erkannte er an dem bangen und doch so wilden Klopfen seines Herzens. Aber sie hatte sich losgesagt von Allem, was ihm heilig, hatte das Höchste mit Füßen getreten. — Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Da trat der Kammerdiener seiner Schwester hastig auf ihn;u: „Verzeihen Sie, Herr Werner, daß ich Sie nochmals belästige, aber meine gnädige Herrschaft, die Frau Gräfin —" „„Ich habe Ihnen bereits erklärt,"" fiel Werner ein, aber seine Stimme bebte, „„ich habe Ihnen bereits erklärt, daß ich Ihre Herrschaft nicht kenne."" „Herr Werner," rief der Alte und erhob bittend die Hände, „die Frau Gräfin Staremberg ist Ihre Schwester, und Ihre Schwester —" die Stimme versagte ihm, „liegt im Sterben," fügte er tonlos hinzu. Werner barg das Antlitz in beiden Händen und ächzte laut. „Kommen Sie," drängte der Alte, „kommen Sie, der Sanitätsrath Wolter läßt Ihnen sagen, Sie müssen eilen, er könne keine Stunde für das Leben der Gräfin garantiren, aber möglich wäre es, daß Ihre Gegenwart ihr nützen könne, weil sie gar so sehr nach Ihnen verlangt. Und der Herr Graf ist auch nicht hier — o Gott! o Gott! wie wird mein armer Herr es ertragen! — Kommen Sie, kommen Sie! —" Aber Werner regte sich noch immer nicht; sein