Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1876)
- Date
- 1876-10-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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940 „Mein braves Mädchen! Gott segne Dich!" „„Mein geliebter Vater,"" antwortete Theresa, „„Gott wird uns nicht verlassen."" Trübe Tage brachen nun für Bernstein und feine Tochter an. Bernstein hatte seine Insolvenz erklären müssen, und es gelang ihm nicht, mit seinen Gläubigern einen Accord abzuschließen. Wiewohl die Ehrlichkeit des Mannes genugsam bekannt war, verfuhren doch die Gläubiger auf das Härteste mit ihm; es verdroß sie, daß sie Verluste erleiden sollten durch einen Mann, dem sie so großes Vertrauen entgegengebracht hatten. Daher waren Manche unerbittlich und wollten von einem Arrangement nichts wissen. So brach der Banquerott aus. Was Herr Bernstein und seine Tochtev dabei litten, ist unbeschreiblich. Fast alle ihre Möbel wurden ihnen genommen, selbst Theresa's geliebtes Pianino kam unter den Hammer. Das Schlimmste bei dem Allem war, daß sich für Bernstein nicht die geringste Aussicht auf lohnende Beschäftigung därbot; nicht einmal eine Stelle als Buchhalter konnte er finden. Als HauS und Möbel verkauft waren, mieteten Vater und Tochter zwei Dachstübchen, die sie fortan bewohnen sollten; die Cousine kehrte in ihre Heimath zurück. Der Erwerb für die Bestreitung des kleinen Haushalts lag nun Theresa allein ob. Wiewohl ihr unglückliches Geschick allgemeine Theilnahme fand und wiewohl das junge Mädchen als vollendete Clavierspielerin vielfach bekannt war, so gelang es ihr doch nicht so leicht, Lectionen zu erhalten. Man kann, so urtheilen viele Leute ganz richtig, eine Kung sehr gut verstehen, ohne zum Unterrichten in derselben geschickt zu sein; es ist etwas Anderes, eine Fertigkeit zu besitzen als die Kunst, sie Andern beizubringen. Dagegen wurden dem jungen Mädchen vielfach Stellen angeboten. Bald sollte sie als Gesellschafterin eine vornehme Dame auf Reisen begleiten, bald sollte sie als Gouvernante in eine Familie eintreten. Aber Theresa lehnte alle diese, manchmal recht glänzenden Anerbietungen ab; denn sie wollte ihren armen, tiefgebeugten Vater, der so sehr des kräftigenden Zuspruches der Tochter bedurfte, nicht verlassen. Auch wirkten oft religiöse Gründe bei diesen Weigerungen mit. Theresa wollte und konnte nicht in einen Haushalt eintreten, der nicht den Anforderungen des jüdischen Religionsgesetzes genügte. Nach vielen vergeblichen Anstrengungen gelang es den ausdauernden Bemühungen des jungen Mädchens, einige mittelmäßig bezahlte Lectionen zu erhalten. Und nun zeigte 'sich die wunderbare Spannkraft ihres Geistes in der Art, wie sie es anfing zu unterrichten. Mit unendlicher Geduld und nicht ermüdender Pflichttreue brachte sie es dahin, daß selbst talentlose Schülerinnen ganz überraschende Fortschritte machten, und diese Resultate blieben nicht unbeachtet. Nach wenigen Monaten schon war Theresa eine gesuchte Lehrerin geworden und, was die Hauptsache war, sie erhielt für die ertheilten Lectionen ein angemessenes Honorar. Es war das auch nothwendig; denn selbst die bescheidensten Bedürfnisse sind in einer Großstadt sehr kostspielig, und Herr Bernstein hatte so manche Gewohnheit, deren nothgedrungene Aufgebung ihn noch unglücklicher hätte machen müssen. Zudem beziehen in Wien die wohlhabenderen Familien im Sommer in den entfernteren Vorstädten Sommer- Wohnungen und da geht für Diejenigen, welche gezwungen sind, Lectionen zu geben,* durch das Hin- und Herfahren viel Zeit verloren. Unter den Familien, in welchen Theresa Unterricht ertheilte, war es namentlich eine, die dem jungen Mädchen mit besonderer Herzlichkeit entgegenkam. Theresa mußte oft den Abend in der eleganten Villa des Fabrikanten Tellheim zubringen. Frau Tellheim hatte Theresa schon früher gek. nnt. als diese noch in glänzenden Verhältnissen lebte; sie hatte an dem Geschicke des jungen Mädchens den regsten Antheil genommen, und sie sowohl wie ihr Gemahl und ihre Kinder bemühten sich, durch liebevolles Entgegenkommen es vergessen zu machen, daß Theresa als bezahlte Lehrerin in's Haus kam. Es war an einem schönen Sommerabende. Theresa hatte zum Abendbrode in der Villa Tellheim bleiben müssen. Nach Tisch hatte man noch musicirt, und so war es gekommen, daß der Abgang des für diesen Abend letzten Pferdebahnwagens versäumt war. Einen Augenblick überlegte Theresa, ob sie nicht lieber in die Villa zurückkehren und die Nacht dort zubringen sollte. Aber der Gedanke an ihren um sie dann in der größten Angst sich befindenden Vater veranlaßte sie zu dem Entschlüsse, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ro ux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)