Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1876-10-12 · Heft 41 (12.10.1876) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 41 (12.10.1876)
Date
1876-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447645-2447683--12977-2468825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

935 „Mädchen aus der Fremde" aufnehmen soll. Es sind Stimmen pro und contra laut geworden und eine derselben liegt uns in einer Broschüre vor, welche den Titel führt: „La Question des refcrmes dans le culte public israelite a Bruxelles par L. Kahn. Bruxelles. Imprimerie Yv. Ch. Vanderauwera. 1876.“ Nach mehr als einer Seite hin bietet diese Broschüre Momente von höchstem Interesse. — Sie verbindet mit der Eleganz des Ausdrucks eine überzeugende Wärme der Sprache, die aber weit entfernt ist von irgend welcher Parteilichkeit oder Leidenschaftlichkeit, sondern im Gegentheil diese brennende Frage mit einer Objektivität bespricht, die geradezu mustergiltig genannt werden kann. Was aber dieser Flugschrift ein weitergehendes Interesse verleiht, ist der Umstand, daß dieselbe ihre Prämissen aus Aussprüchen der Herren Dr. Philippson und Dr. Herzfeld, Rabbiner in Braunschweig, und der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" zusammenstellt, und mit Hilfe dieser Citate zu dem Wunsche gelangt: Daß man keine radikalen Reformen einführen möge. Das ist charakteristisch für das Wesen der Reform! —! mop rwj/j rujotp n6 b 'ix Die Broschüre zerlegt ihren Gegenstand in drei Theile: 1) Sind Reformen in dem öffentlichen israel. Cultus nothwendig oder wenigstens wünschenswerth? 2) In bejahendem Falle, welcher Art soll ihr Charakter und ihre Tragweite sein? 3) Wer ist befugt, sie einzuführen? und kommt schließlich zu folgendem Ergebniß: „Wenn zahlreiche und einflußreiche Stimmen sich vernehmen lassen und zum Besten unserer Gemeinde Reformen im öffentlichen Cultus verlangen, und diese Stimmen haben sich bereits erhoben, um dieses Verlangen auszudrücken, so setze das Consistorium — denn ich glaube, daß Cultusfragen zu dessen Ressort gehören — eine Commission ein (und letztere könnte ohne Schwierigkeiten aus der neuen Verwaltung der Gemeinde bestehen)' Diese Verwaltung, also für das augenblickliche Bedürfniß zu einer Cultuscommission zusammengesetzt, arbeitet unter dem Vorsitz des Herrn Grand-Rabbin ein Reformproject aus. Das Consistorium, dem das Project zu unterbreiten sein wird, urtheilt über die Zweckmäßigkeit, Zulässigkeit, Charakter und Umfang der einzuführenden Veränderungen. Die von demselben angenommenen werden vor die Gemeinde- Versammlung gebracht, welche über jede vorgeschlagene Ausmerzung und Einschiebung, sowie über das Project im Ganzen abstimmt." „Ich habe nicht zu wiederholen nöthig daß nach meiner im II. Capitel dieser Denkschrift auseinandergesetzten Meinung diese Reformen weder die Principien des Judenthums berühren, noch die jüdischenTraditionen verletzen dürften." „Im entgegengesetzten Falle würden das Consistorium, die Commission und die Versammlung eine sehr schwere Verantwortung auf sich laden; die Folgen eines solchen Actes könnten so unheilvoll für die Brüsseler Gemeinde werden, wie sie es sicher der Gesammtgemeinde Israels gegenüber sind , von welcher sie sich trennen würde. ' Dieser Zwiespalt würde trauriger sein, als eine Trennung im Schooße der Gemeinde. Vermeiden wir das Eine und das Andere. Vereinigen wir unsere Bestrebungen , um den Frieden und die Eintracht in der Gemeinde zu bewahren." „Wenn diese Bestrebungen uns Opfer auferlegen , wie die Verzichtleistung auf Vorzüge, Gewohnheiten , alte Gebräuche, — bringen wir sie auf dem Altäre der Eintracht." „Friede und Eintracht sind ein unermeßlicher Schatz, sind große Tugenden vor Gottes und der Menschen Augen; sie können wichtige Werke schaffen , sie sind im Stande, im Gemeinwesen fruchtbare Institutionen und wunderbare Resultate zu erzeugen." „Ich erlaube mir also zu wiederholen: Brechen wir nicht leichtsinnig den Frieden und das gute Einvernehmen, fürchten wir, daß die brennende Reformfrage die Flamme der Zwietracht in die Mitte der Gemeinde schleudere. Sie hat viel Unglück in einer Anzahl von Gemeinden verursacht, wo sie sich mit Gewalt aufdrängen wollte, ohne Rücksicht auf die Meinungen derer, die in religiösen Dingen furchtsam und empfindlich sind." „Wenn der öffentliche Cultus für sich allein auch nicht die ganze Religion ausmacht, wenn man seine Brüder auch nicht nach der Häufigkeit ihrer Synagogenbesuchc beurtheilen darf, so bildet er doch unstreitig einen wichtigen Theil der Religion, indem er die äußere Manifestirung des Glaubens und die praktische Bethätigung eines Theils der Gesetze ausmacht. Ich bleibe bei der Bemerkung, daß es strafbar ist, mit ihm zu brechen, ihn in einer Weise umzugestalten, die ihm diejenigen entfernt und entfremdet, welche in der alten Form eine Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse finden. Diese Letzteren bilden den größeren Theil der Besucher unserer Synagoge. Kommen diese nicht mehr, was wollt Ihr dann mit dem neuen Tempel machen, den Ihr errichtet? Wollt Ihr ihn zu einer Wüste machen, zwei oder drei Tage des Jahres ausgenommen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.