Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1876)
- Date
- 1876-09-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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924 und sein Zögern bei der Abreise nur den eigenen Reizen zuzuschreiben, die zu missen ihm so unsäglich schwer falle; doch um ihretwillen wolle auch er sich bemühen, die Trennung männlich zu ertragen, erwarte jedoch von ihr das gleiche. Mit einigen scherzhaften Phrasen über ihre moralische Stärke und über die Macht, die sie über ihn ausübe, schloß er mit einem herzlichen „auf baldiges freudiges Wiedersehen!" XX. Hermine fühlte sich durch diese Zeilen in Wirklichkeit erheitert; ihre Thränen versiegten und sie vermochte sogar, ihre bisherige Aufregung zu belächeln. Dämmerung brach herein, es fröstelte sie, sie ließ sich einen bequemen Schlafrock bringen und setzte sich, wie sie es in den Kinderjahren so gern gethan, auf einen niedern Schaukelstuhl dem Ofen gegenüber. „Nun bin ich wieder die kleine Hermine Werner", flüsterte sie lächelnd in sich hinein und schaute sinnend in die lodernden Flammen und lauschte dem Prasseln des brennenden Holzes. Es ward ihr ganz wohlig zu Muthe. — Seit nahezu sechs Jahren hatte sie in dieser ihrer ehemaligen Lieblingsposition sich nicht befunden. Warum eigentlich nicht? — sie sann und sann. — Ach, sie erinnerte sich schon, ganz recht, das war es. — Als sie zum letzten Male so vor dem Ofen gesessen und in die prasselnden Flammen geschaut, da hatte eine entsetzliche Vision sie geäfft. Ihr Vater hatte noch gelebt, aber sie hatte die Bekanntschaft des Grafen bereits gemacht und als sie nun eines Abends träumend am Feuer gesessen, da war es ihr vorgekommen, als befände sie sich im Brautschmuck an des Geliebten Seite und der Priester spräche den Segen über sie, und als sie dann am Arme des Grafen die Kirche verlassen wollte, da hatte sie draußen den Vater in Sterbegewändern gesehen, der den Fluch ihr entgegenschleuderte. Entsetzliche Phantasie! — noch machte die Erinnerung daran das Blut ihr erstarren — und seit jener Zeit hatte sie es gemieden, Träumereien sich zu überlassen. — An jenem Abend — seltsam, wie das mit einem Mal so lebhaft ihr vor Augen stand — da hatte sie sich selbst gelobt, den Grafen nie wieder zu sehen — sie glaubte noch, ihr eigenes Stammeln zu vernehmen, „nie, nie!" Wie hatte sie ihren Schwur gehalten! — und doch, damals war es ihr Ernst gewesen. — Aber wie hätte sie leben können ohne Arthur — unmöglich — und Arthur ohne sie — unmöglich! — Aber welch' ein Unsinn, beständig an des Vaters Fluch zu denken, er hatte ihr ja nimmer geflucht, wie hätte er's auch sollen, er hatte ja nimmer erfahren, was sie gethan. — Freilich, wenn er's erfahren — fort, fort mit diesen wahnsinnigen Grübeleien, sie wollte ja fröhlich und heiter sein um Arthur's willen, um ihres Kindes willen, — „Ach herzlich willkommen, Herr Sanitätsrath!" und mit bezauberndem Lächeln streckte sie dem eben eintretenden Sanitätsrath Wolter die schöne Hand entgegen. „Welch glücklicher Stern führt Sie denn hierher, in meine Einsamkeit?" Lächelnd zog der Sanitätsrath die schöne Hand an seine Lippen und berichtete, daß eine telegraphische Depesche des Grafen ihn aufgefordert habe, unverzüglich nach Schloß Staremberg zu kommen, um während der Abwesenheit des Grafen der Gräfin Gesellschaft zu leisten und fleißig über das Befinden derselben zu berichten. „Ach wie schön, wie lieb von Arthur!" rief Hermine in Wirklichkeit erfreut, denn die Gegenwart des heitern, geistvollen Arztes war ihr stets, jetzt aber doppelt willkommen. „Und Sie bleiben nun bei mir, bis Arthur zurückkommt, da seien Sie mir doppelt und dreifach willkommen!" Sanitätsrath Wolter, der beliebteste Damenarzt der hohen Aristokratie, rechtfertigte in der That das Vertrauen, das man ihm von allen Seiten entgegenbrachte. Sein eminentes Wissen, seine, wie man sich ausdrückte, glückliche Hand, fein grades und dabei stets heiteres Wesen machte ihn zum Liebling aller seiner Patienten, namentlich seiner Patientinnnen, und trotzdem hatte er noch nie einer Dame ein Compliment gemacht, noch nie sich auch nur die leiseste Vertraulichkeit einer Dame gegenüber erlaubt. In heiterster Unterhaltung, die von Geistund Witz sprühte, entflohen die Stunden und Hermine machte sich beinahe Vorwürfe, daß sie in Arthurs Abwesenheit so munter sein konnte. Der Sanitätsrath bestand indessen darauf, daß sie in nicht allzu später Stunde zur Ruhe sich begebe. Der Graf habe ihn verantwortlich gemacht für ihr Wohlergehen und darum wolle er auch sein Mögliches thun, um Ehre einzulegen durch ihr frisches blühendes Aussehen. Hermine versprach alle seine Anordnungen pünktlich zu befolgen und mit freundlichem Gutenachtwunsch zog sie sich zurück. Sie fühlte sich ermüdet und ließ sich bald entkleiden. Das Kammermädchen theilte ihr noch mit, der Sanitätsrath habe befohlen, sie solle im Vorzimmer der Gräfin schlafen. Lächelnd nickte diese ihre Zustimmung und warf sich auf das weiche schwellende Lager. „Ach welche Wohlthat das Bett zu Zeiten ist — armer Arthur, Du mußt es heute entbehren;