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Der Israelit · 1876-09-27 · Heft 39-40 (27.9.1876) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 39-40 (27.9.1876)
Date
1876-09-27
Page
– (sequence 21)
Language
German
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925 aber ich bin so erschöpft, ehe zehn Minuten vergehen, werde ich schlafen." Sie schloß die Augen, aber der Schlaf, den sie so sehr herbeiwünschte, stellte sich nicht ein; statt seiner aber kehrte die entsetzliche Biston zurück, von der sie gegen Abend erst durch Wolters Ankunft befreit worden. Seltsam, so lange, lange Zeit hatte sie an alle diese Sachen nicht gedacht und nun mit einemmal drängten sie sich immer und immer wieder vor ihr inneres Auge. — Wenn sie nur nicht gar so ermüdet gewesen, sie hätte versucht, die unheimlichen Gedanken durch Lektüre zu bannen; aber sie war nicht im Stande, die Augen offen zu erhalten und dennoch konnte sie nicht schlafen. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, doch wohin sie sich auch wandte, überall schaute ihr verstorbener Vater im Sterbegewand ihr entgegen. „Fluch! Fluch!" glaubte sie fortwährend zu vernehmen — oder war es nur das wilde Rauschen des erregten Blutes oder das laute Klopfen ihres Herzens? sie wußte es selbst nicht, aber ihre Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute, bis sie endlich vollends erschöpft einschlummerte. Es war ein Uhr nach Mitternacht; sämmtliche Bewohner des Schlosses lagen längst in tiefem Schlafe. Ein heftiger Wind hatte sich aufgemacht; im Schloßpark rauschte und heulte er, als wollte er die ältesten Bäume entwurzeln. Da erhob sich plötzlich über einem der Wirtschaftsgebäude, die dem Schlosse sich anreihten, eine hohe mächtige Rauchsäule. Alles schlief, kein Mensch gewahrte das unheilvolle Zeichen; aber der Sturm brausete fort, es währte nicht lange und die Rauchsäule wandelte sich in Helle Lohe, die das Schloß und den Park taghell beleuchtete. Nun freilich war der Schlaf der Schloßbewohner zu Ende. „Feuer! Feuer!" erscholl es von allen Seiten. Wildes Durcheinanderschreien und Rennen, das Heulen des Windes, das Prasseln der mehr und mehr sich ausbreitenden Flammen — es war entsetzlich. Wohin man blickte, überall verstörte , halbangekleidete Menschen. Der Schloß- Verwalter , ein intelligenter, energischer Mann, hatte in unglaublicher Schnelle alle Löschapparate, die sich im Schlosse befanden, in Bereitschaft und in Thätigkeit gesetzt; er wollte um jeden Preis das Hauptgebäude schützen, aber der Sturm, der die Flammen geradewegs dem Schlosse zutrieb, machte alle seine Bemühungen zu Schanden. Leichenblaß, an allen Gliedern bebend, schaute Hermine in das Flammenmeer. Sanitätsrath Wolter hatte sie soeben verlassen, er hatte ihr die dringende Nothwendigkeit vorgestellt, sich aus dem Schlöffe zu entfernen, und indem er sie aufforderte, sich schleunigst ankleiden zu lassen, war er hinuntergeeilt, einen Wagen in Bereitschaft setzen zu lassen. Bei diesem entsetzlichen Sturme hatte man die Unmöglichkeit erkannt, das Feuer zu unterdrücken; man beschränkte sich daher darauf, es insofern zu bekämpfen, um Zeit zu gewinnen, die werthvollsten Gegenstände zu retten. „Lassen Sie einspannen," rief Wolter dem Schloßverwalter zu, „die Gräfin muß unverzüglich abreisen." „„Ich dachte es mir,"" entgegnete der Verwalter, „„die Equipage ist bereit."" „Wann geht der nächste Zug nach M.?" „„Früh um sieben Uhr."" „Das ist zu spät, senden Sie unverzüglich einen reitenden Boden zur nächsten Eisenbahnstation, einen Extrazug zu bestellen." „„Josef, Josef!"" rief der Verwalter und theilte dem Herbeieilenden den Auftrag des Sanitätsraths mit. „Ich muß den Alten schicken," wandte er sich an Wolter, „die Jüngern sind, wie Sie sehen, hier unentbehrlich;" er deutete dabei auf die zahlreiche Dienerschaft und einen Theil der Dorfbewohner, die nach den Anweisungen des Verwalters in großen Körben rc. Alles, was zu retten war, aus dem brennenden Schlosse entfernten. „„Ich bewundere Ihre Umsicht und Ihre Energie,"" entgegnete Wolter, „„doch ich muß auf meinen Posten; die Gräfin ist fassungslos, ihr Zustand flößt mir ernstliche Besorgniß ein. Der Alte, den Sie zur Station gesendet haben, ist doch zuverlässig?"" „Er ist der Kammerdiener der Gräfin und seiner Gebieterin mit Herz und Seele zugethan; sehen Sie, dort sprengt er schon mit verhängtem Zügel davon." In diesem Augenblick brach mit furchtbarem Krach der Dachstuhl des linken Schloßflügels zusammen; ein Schrei des Entsetzens erscholl aus Aller Munde, und Wolter eilte zu dem Zimmer der Gräfin, das im rechten Flügel sich befand. Die beiden Zofen derselben, mit dem Schmuck der Gräfin und einigen Garderobestücken beladen, traten ihm entgegen. Hermine, vollständig angekleidet, folgte. Wolter befahl den Mädchen, zu dem vor dem Schloßthor bereitstehenden Wagen vorauszueilen; dann bot er der bleichen, schwankenden Dame den Arm und bat sie, so rasch es ihre Kräfte erlaubten, dem Ausgang zuzuschreiten. „Wie fühlen sich die gnädige Gräfin?" Hermine wollte antworten, war jedoch nicht

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