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Der Israelit · 1876-09-27 · Heft 39-40 (27.9.1876) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 39-40 (27.9.1876)
Date
1876-09-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
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918 las aber keine Zeile; ganz andere Dinge beschäftigten ihn. Plötzlich schreckte ihn das Geräusch von Stimmen aus seinem Nachdenken. Einige junge Leute aus den höchsten Gesellschaftskreisen der Residenz hatten an einem benachbarten Tische Platz genommen. Ohne den Baron zu bemerken, unterhielten sie sich laut von einem Ereignisse, welches seit mehreren Tagen die ganze Stadt beschäftigte. Der junge Fürst Gräfenthal war auf der Jagd verunglückt und auf der Stelle todt geblieben.' „Ich sage Euch," rief einer der jungen Herren, „es war kein Zufall, es war ein mit Ueberlegung ausgeführter Selbstmord!" „„Und worauf begründest Du diese Vermuthung?" fragte ein Anderer. „Vermuthung? Es ist nur allzugewiß. Der arme Gräfenthal liebte die Fürstin Rodenftein leidenschaftlich; er wurde wieder geliebt. Der Fürst bekam davon Wind und schickte seinen Sekundanten zu Gräfenthal. Dieser, um die Dame seines Herzens nicht durch ein Duell zu compromittiren, erschoß sich auf der Jagd, sich den Anschein gebend, wie wenn sein Gewehr zufällig losgegangen sei." „„Die Fürstin Rodenstein, sagst Du? Das nimmt mich Wunder! Die ist ja so fromm, versäumt keine Messe!"" „Ha ha, Frömmigkeit der Weiber! In unserer hohen Aristokratie ist die Frömmigkeit nichts als ein Deckmantel der Leidenschaften. In den anderen Gesellschaftskreisen wirds nicht viel besser sein." „„Der arme Rodenstein, er dauert mich. Er war ein so stotter Junge, ehe er sich in seine jetzige Gemahlin verliebte; sie, eine Gräfin Blankenstein, ein Mädchen von tadellosem Rufe, hervorragender Schönheit, großem Geist und stark prononcirter Frömmigkeit, wollte trotz ihres geringen Vermögens dem jungen Lebemann ihre Hand nicht eher reichen, bis er ernstlich Besserung gelobte. Er hat Wort gehalten; er lebt nur für seine Frau — und sie, die Fromme, Ernste. Tugendreiche, treibt den armen Gräfenthal in den Tod — ich kann's nicht glauben."" „Du darfst mir's glauben. Rodenstein fühlt sich im höchsten Grade unglücklich; vielleicht wird nächstens bei einer Jagd auch sein Gewehr losgehen und seinem verlorenen Leben ein Ende machen." „„Wäre er Junggeselle geblieben!"" „Da hast Du Recht. Man soll sein Herz nicht an die Weiber hängen. Eine Liaison, die Jedem von Beiden die Freiheit läßt, ein Verhältniß, das in jedem Augenblicke gelöst werden kann, das lasse ich mir gefallen; aber ein Band, das für alle Zeiten fesselt — nimmermehr!" Die Herren verließen das Kaffeehaus. Baron Hohenacker hatte ihnen mit großem Interesse zugehört. Er kannte die handelnden Personen in dem Schauerdrama, von dem die Rede war, und zweifelte nicht an der Wahrheit der mitgetheilten Thatsachen. Wie paßte das Alles zu dem Schritte, den er;u thun im Begriffe stand! Ihn beschäftigte seit einiger Zeit unablässig der Gedanke, ob er nicht seinen Principien untreu werden, ob er nicht seine Freiheit opfern und Theresa Bernstein zu seiner Gattin erwählen sollte. Jetzt stand es bei ihm fest: er wollte nicht dem Geschicke des Fürsten Rodenftein anheimfaüen, er wollte frei bleiben, frei für immer; er wollte Theresa nicht Wiedersehen. Baron Hohenacker begab sich in sein an einer der prächtigen Ringstraßen belegenes Palais. Allein er fand zu Hause keine Ruhe; er ließ sich sein Reitpferd vorführen und ritt zum Thore hinaus. Im Freien angelangt, gab er seinem edlen Rosse die Sporen und sprengte in rasendem Galoppe dahin. Wohl ermüdete ihn die Anstrengung, aber seine Aufregung legte sich nicht; überall sah er das Bild Theresas, hörte er ihre melodische Stimme. Er wandte sein Pferd und ritt langsam der Stadt zu. Es war ein heiterer Frühlingstag, der sich seinem Ende zuneigte. Aus der Stadt kamen ganze Colonnen von Spaziergängern, die im Prater frische Luft schöpfen wollten. Hohenacker sah mit Neid auf so manches Familienbild, das sich ihm präsentirte: zufriedene Männer, heitere Frauen, jubelnde Kinder. Da wurde er angeredet; es war ein Bekannter aus der kaute Luauoo, der sein Pferd zu ihm hinüberlenkte, um an seiner Seite zu reiten. „Guten Abend, Hohenacker, wre geht's? Sie müssen ja ganz barbarisch geritten sein, Ihr Pferd dampft ja förmlich." „„Ich habe ein wenig galoppirt, das ist Alles. Und woher kommen Sie, Herr von Bornheim?"" „Ich will mich ein wenig erholen von dem Jammer der Börse. Ja, Jammer, das ist das rechte Wort. Seien Sie froh, Hohenacker, daß Sie nichts damit zu thun haben. Die Börse ist ruinirt für ewige Zeiten; sie kann den Krach nicht vermeiden. Sie schleppt sich krank undsieH durch die Zeiten. Alle Tage neuer Jammer. Die besten Männer, die solidesten Firmen gehen zu Grunde. Da munkelte man heute von einem gewissen Bernstein, dem edelsten Manne unter der Sonne. Ich glaube, der überlebtes nicht."

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