Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1876)
- Date
- 1876-09-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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912 „„Wenn Sie, Herr Baron, darüber Tadelndes vernommen oder eine wegwerfende Beurtheilnng gelesen haben, so kann das Alles nur auf Unkenntniß beruhen. Die Casuistik der Rabbinen hat die geoffenbarte Religion Gottes zum Fundament und ist den Gesetzendes menschlichen Denkens gemäß auferbaut worden."" „Nun, ich befcheide mich." Theresa holte die Noten herbei. „„Was befehlen der Herr Baron, daß ich spiele?"" „Wenn es Ihnen einerlei ist, so möchte ich Sie um etwas von Chopin bitten." „„Ich habe es mir gedacht und habe gleich etwas von diesem melodienreichen Componisten zur Hand genommen/" „Sie überraschen mich, mein Fräulein. Woher konnten Sie wissen, daß ich Chopin wählen würde?" „„Sie bringen mich in Verlegenheit, Herr Baron!"" „Ach, jetzt weiß ich's. Sie halten mich für Bethoven oder Schubert nicht ernst, nicht tief genug; dagegen erwarteten Sie auch, daß ich Sie durch das Verlangen nach ganz oberflächlicher Musik nicht verletzen würde." Statt aller Antwort begann Theresa ihr Spiel. Sie war eine vollendete Meisterin, und der Baron lauschte mit Entzücken den Tönen, welche die junge Dame aus dem Instrumente hervorzauberte. Inzwischen kehrte Herr Bernstein von seinem Geschäftsgänge zurück; er begrüßte den Baron auf's Herzlichste, und bat ihn, als er Abschied nahm, seinen Besuch doch bald zu wiederholen. Die Cousine hatte in der Küche zu thun, und Theresa war mit ihrem Vater allein. „Meine Tochter," sagte dieser, „Du scheinst an dem Baron Hohenacker eine glänzende Eroberung gemacht zu haben." „„Wie meinst Du das, Papa?"" „Das Vermögen des Barons zählt nach Millionen." „„Nun?" " „Würdest Du nicht wünschen, Baronin Hohenacker zu werden?" „„Nein, Papa."" „Und warum nicht, Du sonderbares Mädchen?" „„Weil der Baron nicht die Grundsätze hat, die ich von meinem künftigen Gatten erwarte."" „Und wenn ich ihn für Dich zum Gatten wählte?" „„Das würdest Du nicht thun, Papa."" „Und wenn ich es dennoch thäte?" „„Mein geliebter Vater, erspare mir die Antwort."" „Ich kenne diese Anirvort, selbst wenn Du sie nicht aussprichst. Du würdest es mit meinen religiösen Grundsätzen unvereinbar finden, wenn ich mir einen Schwiegersohn wie Baron Hohenacker suchte, der vom Judenthume nichts weiß und dessen Vorschriften nicht beobachtet. Habe ich Deine nicht ausgesprochene Antwort errathen, Theresa?" „„Es ist so, wie Du sagst, Papa!"" „Theresa, mein Kind, ich muß diesen Vorwurf über mich ergehen lassen; allein es sind zwingende Gründe, die mich zu dieser, Dir unerklärlich scheinenden Denkweise bestimmen. Du bist mein einziges Kind, Theresa; ich hatte niemals einen Bruder oder eine Schwester; Deine Mutter ist früh gestorben; außer Dir habe ich Niemanden auf Erden, der mir nahe stünde. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr ich Dich liebe, wie gern ich Dich glücklich sehen möchte. Theresa, ich bin in meinen Vermögensverhältnissen zurückgegangen; ich sehe das drohende Gespenst gänzlicher Verarmung vor mir." „„Und schreckt Dich dieses Gespenst, geliebter Vater? O, ich kann arbeiten, kann Dich und mich ernähren; ich kann Musik-Unterricht ertheilen, ich kann . . . ."" „Thörichtes Mädchen, Du sprichst, wie Du es verstehst. Nie ist die Sorge, die ernste, bittere Sorge an Dich herangetreten. Und wenn Du krank würdest? Und wenn Du dann alt und unfähig zur Arbeit wirst, und wenn Du dann Dein Brod aus den Straßen erbetteln müßtest?" „„Und sollen wir nicht auf Gott vertrauen, mein geliebter Vater? Wird uns der Allgütige nicht vor so hartem Geschick bewahren? Und wenn — sollen wir nicht Alles mit Ergebung hinnehmen, was uns aus Seiner Hand zukömmt?"" „Du bist ein schwärmerisches Mädchen, das den Ernst des Lebens und alle seine Widerwärtigkeiten nicht kennt. O, wenn Du Baronin Hohenacker würdest, da wären alle meine Sorgen gehoben!"" (Siehe die Fortsetzung in der ersten Beilage.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hoföuchhandlung. I. GottsleSen's Brrchdruckeret (Mainzer Anzeiger.)