Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1876)
- Date
- 1876-09-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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911 von New-Aork hielt die Festpredigt. Der geschätzte Gast wählte zu seinem Thema den Satz: „Was ist das Gotteshaus und welches ist der richtige Begriff von demselben?" Er erörterte die Frage in einer längeren, tief durchdachten und von scharfer Logik zeigenden Abhandlung, deren rhetorischer Werth durch sehr gewählte Redeformen noch bedeutend erhöht wurde. Nachdem der gelehrte Rabbiner seine Predigt, welche von den Anwesenden mit dem größten Interesse verfolgt wurde, geschlossen hatte, sprach er noch ein Gebet, mit welchem die offiziellen Einweihungsfeierlichkeiten beendet wurden. Es folgte zwar am Abend noch ein Gottesdienst, doch wohnten demselben hauptsächlich nur Mitglieder der Gemeinde bei. Feuilleton. Theresa. in. „Das Judenthum in der Musik!" Ich habe die Broschüre gelesen, erinnere mich aber ihres Inhalts nicht mehr genau." „„Sie kennen doch die Geschichte von Haman? Der Jude Mordechai versagte dem sich selbst vergötternden General-Pascha die Kniebeuge, und dieser will aus Rache darob das ganze Volk Israel vernichten, Groß und Klein, Alt und Jung, Vornehm und Gering. Aehnlich benahm sich Wagener. Der verdienstvolle Moscheles in Leipzig, der heute leider nicht mehr zu den Lebenden gehört, war kein blinder Anbeter der Wagnerischen Muse, und dafür sollten Juden und Judenthum vom Erdboden vertilgt werden. Eine Selbstvergötterung, wie sich in dieser Broschüre, mit blindem Vorurtheil paart, kann man weder als Thorheit noch als Bosheit bezeichnen — sie ist purer Wahnsinn. Wir Juden haben uns übrigens nicht darob zu beklagen, wir haben vielmehr Ursache, dem Meister Wagener dafür dankbar zu sein."" „Sie sprechen in Räthseln, mein Fräulein." „„Die Sache verhält sich meiner Meinung nach so. Wir Juden sind ein ideales, phantasievolles Geschlecht. Hätte uns Wagener nicht so gewaltsam abgestoßen, es würden eine große Menge Juden und Jüdinnen für das Wagner'sche Schaugepränge bis zur Unerträglichkeit schwärmen. Wenn das sogenannte Naiional-Theater in Bayreuth erst fertig, wenn die Serie der Nibelungen unter ungeheurer Theilnahme der Menge, der Kaiser, Könige und Fürsten erst zu Gehör und Gesicht geführt sein wird, dann wird eine Ernüchterung eintreten, man wird erkennen, daß dort nicht die keusche, reine Muse eingezogen ist; man wird einsehen, daß das Göttergeflunker und der Nibelungenspuk Schöpfungen von sehr untergeordneter Bedeutung sind. Das mit so ungeheuren Kosten in Bayreuth errichtete Theater-Gebäude wird, einsam und verlassen, zerfallen; man wird über die Thorheiten des angeblichen Meisters lachen — dann wird „das Judenthum in der Musik" gerächt sein."" „Für's Erste scheintj sich Ihre Prophezeiung noch nicht erfüllen zu sollen. Man trifft die größten Vorbereitungen, und binnen Jahresfrist sollen die Darstellungen vor sich gehen können. Sie sollen sehen, mein Fräulein, der judenhassende Componist wird große Triumphe feiern." „„Aber sie werden nur vorübergehend, sie werden keine dauernde sein."" „Und ist der Genuß, welcher nur kurze Zeit währt, nicht der begehrenswertheste? Liegt es nicht überhaupt in dem Begriffe des „Genusses", daß er rasch vorüberzieht?" „„Freilich, der Genuß trägt die Vergänglichkeit in sich. Was nur Genuß heißt, schließt die längere Dauer aus. Allein, diese Erfahrung selbst sollte uns belehren, daß der Genuß nicht das Erstrebenswertheste ist."" „Ach, mein Fräulein, Sie berühren ein Thema, auf das ich nicht eingehen kann; es ist das ein Gebiet, auf welchem ich Ihnen nicht gewachsen bin. Dagegen möchte ich Sie um Etwas bitten; ich sehe ein Pianino, welches gewiß zu Ihrem Gebrauche bestimmt ist. Gewähren Sie mir den Genuß, Sie spielen zu hören. Auch verräth mir Ihre melodische Stimme, daß Sie sicher vortrefflich singen." „„Ich bin gern bereit, etwas auf demClavier vorzutragen; singen werde ich jedoch nicht."" „Und weßhalb nicht?" „„Die Erörterung meiner Gründe würde ein Gebiet berühren, auf das Sie mir nicht folgen wollen, Herr Baron."" „Religiöse Gründe könnten Sie hindern zu singen?" „„So ist es."" „Und dieselben Gründe hindern Sie nicht, Clavier zu spielen?" „„Nein, nicht dieselben, wiewohl man andere auch dagegen geltend machen könnte."" „Und Sie spielen dennoch?" „„Mein lieber Vater hält das Ctavierspielen für erlaubt; ich habe mich nur seinem Urtheile zu fügen."" „Ach, das ist die Casuistik der Rabbinen, von der ich schon Manches gehört und gelesen."