Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1876)
- Date
- 1876-09-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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910 deßhalb ihren Chef, ihnen neue Instructionen zukommen zu lassen. Eine solche Antwort gerieth zufällig, vielleicht aber auch absichtlich, in die Hände'des jetzigen Ministers des Aeußern, Jonescu. Als er die übrigen Minister privatim hierüber befragte, erklärten sie Alle, sie hätten von der beregten Note gar keine Kenntniß. Diese Ueberschreitung seiner Competenz soll mit ein Grund zum Sturze Cogolnitscheanu's gewesen sein. Diese Note beweist indeß klar, daß man gar nicht lange Minister zu sein braucht, um sich gründilch zu blamiren. Jetzt erst wissen wir, warum vor einigen Wochen ein Gerücht herumlief, Rumänien sei entschlossen, in den Krieg mit der Türkei sich zu stürzen. Aber noch ist Manches unverständlich, namentlich wer den sonst so bedächtigen und geriebenen Diplomaten zu einem solch übereilten und unklugen Schritt verleitet hat. Oder hatte die Note keinen andern Zweck, als Rußland sich gefällig zu erweisen, die Sympathien der Herren Bulgaren zu gewinnen? Um diesen Preis war der Einsatz ein zu theurer. Wir wollen nun die wichtigsten Stellen aus der besprochenen Note hier folgen lassen. Dieselbe beginnt mit der weitschweifigen Auseinandersetzung, wie Rumänien trotz seiner Sympathien für die Glaubensgenossen bemüht sei, die Neutralität ehrlich wahren, daß dies aber fürder kaum mehr möglich sein werde angesichts der unerhörten Grausamkeiten, welche die Türkei namentlich in Bulgarien verübt habe. Zugegeben, daß Manches übertrieben sei, so sei doch durch die Debatten im englischen Parlament constatirt, daß die Türken in unmenschlicher Weise in dem benachbarten Bulgarien und Serbien, wo auch 200,000 Rumänen leben, gewüthet hätten. Mit Recht durfte man erwarten, daß das civilisirte Europa mächtigen Einspruch gegen diese Gewaltthaten erheben würde. Doch dies geschah nicht. Hier lassen wir die eigenen Worte des Rumänen folgen: „Erzählen Sie nun von den schmerzlichen Eindrücken, welche uns alle in Rumänien beherrschen; Regierung und öffentliche Meinung können nicht umhin, sich die traurige Frage vorzulegen: Erhebt das civilisirte und christliche Europa seine Stimme nur zu Gunsten der Juden? Erinnern Sie sich doch der Wuthausbrüche Europas über Rumänien, als im Jahre 1867 einige Juden, die von unseren Gerichtshöfen als Vagabunden verurtheilt worden waren, nachdem sie von dem Rechte der Appellation keinen Gebrauch machten, nach Galatz gebracht wurden, um nach der Türkei befördert zu werden. Diese Juden wurden vom jenseitigen Donau-Ufer herübergebracht, von den Türken vertrieben, in den Strom j geworfen und erst durch unsere Agenten befreit außer Zweien, die ertrunken waren. Denselben Wuthausbrüchen entgingen wir nicht, als vor wenigen Jahren in einem isolirten Winkel unseres Landes die rumänische Bevölkerung drei oder vier Israeliten auf frischer That ergriffen hat, die in der Kathedrale von Ismail einen Kirchenraub begangen haben — ein Verbreche», das durch unsere Gerichtsbehörden in allen Formen Rechtens nachgewiesen wurde. Und heute, wo Tausende von Bulgaren, selbst Rumänen, da Tausende von Christen gemordet, da am Hellen Tageslichte die schrecklichsten Grausamkeiten verübt werden, findet das christliche Europa trotz seiner Macht, trotz der Gesetze der Civilisation, trotz der Vorschriften der Menschlichkeit keine anderen Mittel, diesen unglücklichen Leuten zu helfen, als durch ein empörendes Stillschweigen." Dies genügt wohl, um die grenzenlose Unbescheidenheit des rumänischen Ministers zu kennzeichnen. Es ist erstaunlich, wie der Mann sich anmaßt, ganz Europa zu insultiren! Es ist völlig unbegreiflich, wie er voraussetzen konnte, Oesterreich-Ungarn zum Beispiel werde eine solche Note anhören, ohne Rumänien dafür aufs herbste zu züchtigen und zur Vernunft zu bringen. Und dann hat der Mann noch den Muth, an die Judenverfolgungen von 1867 und 1871 zu erinnern! Die Türken haben wohl grausam gehandelt gegen die Bulgaren, und es ist dies im Namen der Humanität tief zu beklagen, aber man wird doch zugeben, daß sie durch die Bulgaren selber provocirt worden sind. Womit aber vermag sich Rumänien zu rechtfertigen, wenn es friedliche und stille Bürger in die Donau trieb — Rumänen haben dies gethan und nicht Türken; wenn es in Ismail, Bilcov und Cahul den Pöbel gegen die Juden aufhetzte und dann das Gerücht verbreiten ließ, die Juden hätten die Kathedrale von Ismail bestohlen und entweiht? Und wenn Cogolnitschenau weiter sagt, daß das Sacrilegium gerichtlich zu Ungunsten der jüdischen Angeklagten constatirt sei, so behauptet er wissentlich eine Unwahrheit, deren sich ein Mann von feinem Stande und Bildungsgrade tief in die Seele schämen müßte. Doch wir wollen nicht weiter mit ihm rächten, behaupten doch selbst seine besten Freunde, daß diese Note von seiner Seite zum mindesten eine Unklugheit war. Er hat sich selbst gerichtet. Amerika. Baltimore. Die feierliche Einweihung der neuen Synagoge der israel. „Chezek Emuno-Gemeinde in der Lloydstraße wurde am 18. August unter zahlreicher Betheiligung in solenner Weife vollzogen. Herr Rabbiner vr. Schneeberger