Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1876)
- Date
- 1876-09-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447681--12935-2468781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
% 831 ein gemeinschaftlicher Bekannter führte ihn schon in den nächsten Tagen dort ein, und da Werners . Name in der Geschäftswelt ein sehr geachteter , war, so empfing ihn Mühlheim auf's Freundlichste, forderte ihn auf, fein Haus zu frequentiren und stellte ihn schon bei feinem nächsten Besuche seiner Mündel vor. Helene war überglücklich, endlich einmal im Hause ihres Vormunds einen Menschen, wie sie sich auszudrücken liebte, empfangen zu dürfen. und da auch der Commerzienrath an dem seinem Kreise weit überlegenen und doch so beschei-! denen jungen Mann wirklichen Gefallen fand, so ermunterte er ihn stets, noch fleißiger zu kommen und bald war Werner ein fast täglicher Besucher! des Mühlbeim'scken Hauses; nur am Sabbat ließ er sich dort nie blicken.! Von Tag zu Tag lernte Helene ihn höher schätzen und obgleich sie gar manche seiner Ansich- I ten nicht theilte, sie sogar sehr lästig und überj trieben fand, so batte sie doch bereits ausgehört, j dieselben im Stillen als Aberglauben zu betrachten. Es war an einem Sonntagnachmittag; der Commerzienrath hatte seine gewohnte Siesta heute etwas länger ausgedehnt. Werner traf das Mündcl desselben daher allein und bald befanden sich beide in traulichster Unterhaltung. Sie hatte vor einigen Tagen eine arme Familie kennen gelernt, die sie nach Kräften unterstützte; doch da ihre Börse in diesem Monat mehr als gewöhnlich in Anspruch genommen war, so reichte ihre Hilfe nicht aus, sie empfahl ihre Schützlinge daher auch Werners Mildthätigkeit. „Ich 'hätte schon gestern so gern mit.Ihnen darüber gesprochen und habe den ganzen Tag auf Sie gewartet, warum sind Sie nicht gekommen? ' „„Es war Sabbat gestern,"" versetzte er. „Sabbat? nun, am Sabbat dürfen Sie nicht zu uns kommen?" „„Das habe ich nicht gesagt."" „Aber bewiesen haben Sie es. Sie sind ja noch nie am Sabbat hier gewesen und gaben auch soeben als Grund Ihres gestrigen Nichtkommens den Sabbat an. Also sagen Sie mir, ich bitte dringend darum, warum meiden Sie uns am Sabbat?" Ein halbunterdrückter Seufzer hob seine Brust, doch er schwieg. „Sie wollen es nicht sagen? nicht einmal, wenn ich Sie darum bitte?" „„Nun, wenn sie es denn durchaus wissen wollen, ich fürchte, Sie am Sonnabend bei der Arbeit zu treffen und das wäre mir ein äußerst schmerzlicher Anblick."" „Ein schmerzlicher Anblick?" wiederholte sie kopfschüttelnd. Um ihre Mundwinkel zuckte es leise, doch sie unterdrückte den Anflug von Spottlust und fuhr ernst fort: „Ich bitte Sie, wie kann es Sie eigentlich schmerzlich berühren. wenn ich mich am Sabbat mit einer Handarbeit beschäftige?" „ .Weil ich überzeugt bin, daß es Ihr sehnlichster Wunsch ist, stets nur recht zu thun. und wenn ich Sie dennoch —"" „Ich bitte Sie, um Gotteswillen, halten Sie es denn in Wirklichkeit für eine so große Sünde, am Sabbat ein Blümchen zu sticken?" „..In Wirklichkeit, und zwar nicht nur ein Blümchen zu fttcken, sondern ein einfaches Wort zu schreiben, ein Licht anzuzünden, ist uns eben so verboten."" „Das verstehe ich nicht, das ist mir unbegreiflich; wie kann man nur in Ausübung solch' unbedeutender Thätigkeiten ein Unrecht finden?" ,.,.Ob dre Thätigkeit unbedeutend oder nicht, darauf kommt es nicht an; es kommt eben nur darauf an, ob sie uns verboten ist. Oder finden Sie vielleicht einen Unterschied darin, ob ich einen Gulden stehle oder eine Million?"" „Das nicht, aber —" „Helene," sstl er ein, indem er im Eifer des Gesprächs sie in Wirklichkeit so nannte, wie er es bisher nur in Gedanken gethan, „Helene, Sie klagen so häufig über Ihren Vormund und über den Kreis, mit dem er Sie und sich umgibt; Sie klagen, daß diesen Leuten das Geld als Höchstes gilt j und weil sie im Besitze desselben die Welt als nur für sie bestehend betrachten und sich Alles erlauben zu dürfen glauben. Helene, alle diese Leute, über die Sie sich so beklagen, sind mit wenigen Ausnahmen Juden. aber auch nicht ein einziger von ihnen beachtet den Sabbat. Und das schwöre ich Ihnen, Sie werden nimmer einen Juden finden, der den Sabbat beobachtet und den Dürftigen von seiner Thüre weiset oder die Welt als nur für sich bestehend betrachtet. Denn wer den Sabbar beobachtet, der vergißt es nie, daß all' sein Besitz ihm nur von Gott verliehen, auf daß er ihn verwalte nach Seinem Gefallen." Helene hatte seinen Worten aufmerksam gelauscht. „„Das verstehe ich noch immer nicht. Wohl weiß ich, daß Sie den Sabbat beobachten und halte Sie auch —dunkle Röthe überzog bei diesen Worten ihr liebliches Gesicht, — „„für den besten, den edelsten der Menschen, aber trotzdem begreife ich nicht, daß, wie Sie behaupten, die Beobachtung des Sabbats veredelnd auf die Menschen wirken könne."" Werner antwortete nicht sogleich, ein Gefühl unaussprechlicher Wonne, wie er es nie empfun-