Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1876)
- Date
- 1876-09-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447681--12936-2468782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
892 den, erfüllte sein Herz. Erst nach mehreren Minuten, als hätte er seine Antwort überlegen müssen, erwiderte er: „Als Gott die Welt erschaffen und in ihr den Menschen mit allen seinen Trieben und Neigungen und seiner hohen geistigen Begabung, die die ganze Welt ihm unterthan machte, da wußte der Schöpfer gar wohl, daß der Mensch, sich selbst überlassen, gar bald des Schöpfers und seiner eigenen Bestimmung vergessen werde und darum krönte Gott Sein Werk, indem Er den Sabbat einfetzte. Auf sechs Tage hat der Schöpfer dem Menschen die Erdenwelt übergeben, auf daß er in ihr schaffe und arbeite. Doch für den siebenten Tag hat Er uns Juden jegliche Arbeit untersagt. auf daß wir nie vergessen, daß Sein die Welt und daß die Erde und ihre Schätze, daß die Natur und ihre Kräfte uns nur geliehen sind, um mit ihnen zu wirken und zu schaffen nach Seinem Gefallen. Darum, wer am Sabbat, und wäre es durch die leichteste, unbedeutendste Werkthätigkeit, eine Aenderung an einem Gegenstand hervorbringt, der leugnet eben durch Ausübung dieser verbotenen Tätigkeit, daß die Welt Gottes, der stellt sich durch die scheinbar geringfügigste Thäiigkeit über den Schöpfer. Doch mit jeder Blume, die mir am Wege blüht und die ich am Sabbat nicht pflücke, wie überhaupt durch jede Arbeit, der ich um des Sabbat willen mich enthalte, spreche ich es aus, daß Gott die Welt erschaffen und daß sie Sein." „„Jetzt verstehe ich es,"" sagte Helene leise, „„ich danke Ihnen und gebe Ihnen die Versicherung, daß auch ich mich von nun an jeder Arbeit am Sabbat enthalten werde."" „Helene!" rief Werner aufspringend mit dem Ausdruck des höchsten Entzückens. Doch bei dieser hastigen Bewegung zerriß die schwache Uhrkette, die er, ohne es zu wissen, schon seit einigen Minuten durch die Finger hatte gleiten lassen, und ein zierlich gearbeitetes Medaillon, das daran befestigt war, siel zur Erde. Werner hatte es nicht bemerkt, doch Helene war es nicht entgangen; sie hob es auf, drückte unwillkürlich an der Feder, der Deckel flog zurück und ein wunderschönes Mädchen- Antlitz lächelte ihr entgegen. Voll Entsetzen starrte sie es an — in diesem Moment hatte sie ihr eigenes Herz erkannt. Leichenblasse überzog ihre Wangen, ihre farblosen Lippen bebten, mit unsäglicher Anstrengung rang sie nach Fassung. „Um Gotteswillen, Helene, was ist Ihnen?" „„Nichts,"" erwiderte sie, ein Lächeln erzwingend; „„aber Sie hätten beinahe das Portrait ihrer Braut verloren'"" Sie reichte ihm bei diesen Worten das Medaillon, ihre eiskalte Hand berührte seine glühende, sie zuckte zusammen. „Ich habe noch keine Brautsagte er, „dies ist das Bild meiner Schwester." „„Das Bild Ihrer Schwester,"" jauchzte Helene, „„lassen Sie mich es nochmals betrachten. Ach wie schön, wie wunderbar schön ist sie. Sehen Sie doch, Herr Commerzienrath,"" rief sie dem eben Eintretenden entgegen, „„ist das nicht ein wunderschönes Bild?"" „Ein herrliches Bild in der That," versetzte dieser, „woher haben Sie es?" „„Es ist nicht mein, es gehört Herrn Werner."" „Herrn Werner? Ach, ergebener Diener, Herr Werner; bitte vielmals um Entschuldigung, daß ich Sie nicht gleich begrüßt. Seien * Sie mir herzlich willkommen. Aber wie in aller Welt, Herr Werner, kommen Sie zu dem Portrait der Gräfin Staremberg?" „„Das ist ja keine Gräfin", lächle Helene, „„das ist Fräulein Werner, Herrn Werners Schwester."" „Nicht doch, das ist das Bild der Gräfin Staremberg; ich sah sie erst vor wenigen Tagen im Vorüberfahren." „„Aber betrachten Sie das Bild doch nur näher, Herr Commerzienrath, sehen Sie denn nicht, wie ähnlich es Herrn Werner sieht?"" „Es ist wahr. Sie haben Recht, liebe Helene, das ist eine seltsame Aehnlichkeil. Der Ausdruck der Augen ist ein anderer, aber der Mund, die Stirn, die^ganze Form des Gesichts ist dieselbe. Erklären Sie uns doch, Herr Werner, sind Sie vielleicht verwandt mit der Gräfin Staremberg?" „„Sie ist meine Schwester,"" sagte Werner tonlos, während der Ausdruck tiefer Trauer sein vor Kurzem noch wonnestrahlendes Antlitz überzog. „Ihre Schwester? Gräfin Staremberg Ihre Schwester? da haben Sie ja in der That noble Verwandtschaft." Man sah es der ganzen Haltung dieses Geldmenschen an, daß durch diese Entdeckung seine Achtung vor seinem Gast noch bedeutend gesteigert; doch Helene gewahrte die Veränderung in den Zügen Wernersund ahnte, was in seinem Innern vorqinq. Voll Tbeilnahme ruhte ihr Blick auf ihm. „Die Grafen Staremberg zählen zu den ältesten Geschlechtern der Monarchie; erzählen Sie uns doch, bester Herr Werner, in welcher Weise Sie mit dieser hochadeligen Familie verschwägert wurden." „„Ich mußvielmuls um Entschuldigung bitten, Herr Commerzienrath,"" erwiederte Werner mit gepreßter Stimme, „„ein Geschäftsfreund erwartet mich zu dieser Stunde, da muß ich eilen."" Er