Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1876)
- Date
- 1876-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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888 habe ich dabei nicht viel erfahren. Und jetzt sollte ich sie kennen za lernen suchen. sollte mich ihren Fesseln fügen in Speis und Trank und tausend andern Dingen, von deren Existenz ich kaum eine Ahnung habe?" „„3a, mein Herr Baron, das sollten Sie! Gerade der Schiffbruch, den Ihre Eltern erlitten auf dem Meere des Lebens, der sollte Sie darauf aufmerksam machen, daß Jenen der rechte Halt, die rechte Zuversicht gefehlt hatte. Wäre Ihr Vater ein religiöser Jude gewesen, seine Ehe hätte sich zweifellos zu einer überaus glücklichen gestaltet. Aber, wenn auch nur Ihre Mutter allein gekannt hätte die unendliche Kraft religiöser Ergebung, die unnennbare Freude religiöser Pflichterfüllung — ihr Herz wäre nicht gebrochen; sie hätte Ihrem Vater am Ende die Achtung abgenöthigt, die ihn auf bessere Pfade geleitet haben würde. Deßhalb sollten gerade diese Erfahrungen Sie veranlassen, das zu suchen, was Ihren Eltern gefehlt hat und durch dessen Besitz auch sie hätten glücklich werden können."" „In Frankreich, wo ich die letzten Jahre gelebt habe, liebt man die religiösen Discussionen nicht; freilich, aus solchem Munde würde man sich auch dort gern predigen lassen. Doch möchte ich Sie bitten, mir zn gestatten, unser musikalisches Thema von neulich wieder aufzunehmen. Hat Ihr Herr Vater vielleicht für Sie einen Patronats- Schein für das deutsche National-Theater in Bayreuth erworben?" Theresa errothete. Sie wußte nur zu gut, daß es die Vermögensverhältnisse ihres Vaters, der in jüngster Zeit sehr große Verluste erlitten hatte, nicht gestatteten, die beträchtliche Summe, die ein Patrönatsschein kostete, auszugeben. Doch durfte sie dem fremden Manne gegenüber sich nicht derart äußern. Herr Bernstein, noch vor kurzer Zeit ein wirklich reicher Mann, galt in den Augen der Welt noch für einen solchen; um seinen Credit zu erhalten, mußte er seine Verluste verheimlichen. „Ich bin keine Verehrerin von Richard Wagner," sagte sie nach einer Pause. „„Nicht?"" fragte der Baron überrascht. „„Gerade bei Ihren idealen Anschauungen hätte ich Sie für eine Zukunfts-Musik-Schwärmerin gehalten."" „Sie irren zwiefach, Herr Baron; ich schwärme j überhaupt nicht für Musik, am wenigsten für Wag-! nerische." ' > „„Aber Sie hörten doch mit Entzücken und l sprachen mit Begeisterung von der Kunst der Töne!"" „Ich ließ nur der Musik ihr Recht widerfahren. Was nun Richard Wagner betrifft, so bin ich gern bereit, die unvergleichliche Energie, mit der er rücksichtslos seine Ziele verfolgt, anzuerkennen; aber seine Verdienste um die Kunst sind doch sehr zweifelhaften Charakters; seine Opern, namentlich die der spätern Zeit, können mit den Schöpfungen der großen Meister nicht verglichen werden, ohne weit in den Hintergrund zurücktreten zu müssen. Ich bin nicht Musik-Kennerin genug, um ein maßgebendes Urtheil fällen zu können; ich spreche nur von dem Eindrücke, den die Wagnersche Musik auf mich zu machen pflegt: meinem Gefühle nach fehlt ihr das eigentlich Charakteristische der Musik — es fehlt ihr die Melodie." „„Ich glaube, mein Fräulein, Sie haben das vollkommen Richtige getroffen, und ich meinerseits, ich begreife die Deutschen nicht, die Wagner deßhalb verhimmeln, weil er das bis in's Extrem treibt, was sie an Meyerbeer so sehr tadelten, ich meine den colossalen Eclat durch technische Mittel. Als Meyerbeers „Prophet" an das Licht der Lampen trat, da war die ganze fchriftstellernde, musikalische Welt entrüstet über den ungeheuren Apparat zur Bewältigung der Sinne, über die bis dahin unerhörte Jnstrumentirung, über den Glanz der Decorationen und andere Ueberrafchungen wie Sonnenaufgang und Schlittschuhlauf. Man sagte und schrieb unzählige Male, daß bei dieser äußern Pracht die eigentliche Schöne und Tiefe verloren werden müsse — und nun vergleiche man Meyerbeer mit Wagner! Das Recitativ beherrscht Alles, verdrängt Alles, die Melodie ist verschwunden, und was würde übrig bleiben, wenn man diese Spectakelstücke — verzeihen Sie den barten Ausdruck — ihres Pompes entkleidete? Ich begreife die Leute nicht, die Händel und Bach, Mozart und Hayd'n, Beethoven und Mendelsohn kennen und lieben und dennoch sich für die „Meistersinger" begeistern können!"" „Ei, ei, Herr Baron, nehmen Sie Sich in Acht, wenn Meister Wagner Sie hörte . er würde extra gegen Sie einen zweiten Theil seiner Broschüre, „das Judenthum in der Musik," von Stapel lassen." (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. ^ovoniiDorilirk;)i'cbaction: Pr. Lehmann. — Berlag der l'c R our scheu Hosbuchhaiidlung. (Voffslcficns i'iirfibnitfcrci in Main; (Mainzer Anzeiger«.