Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1876)
- Date
- 1876-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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864 „,,O, mein Herr Baron, trotz Ihres Reich- IhumS, Ihres hohen Ranges, Ihrer Geistesbildung, Ihrer Jugendkraft bemitleide ich Sie , weil Sie des höchsten Schatzes entbehren, der seit Jahrtausenden das Glück und das Leben unseres Volkes ist."" Der Vortrag des Virtuosen begann auf's Neue, das Gespräch unterbrechend. Theresa Bernstein lauschte der herrlichen Musik, während Baron Hohenacker nachdenklich vor sich hinstarrte; er hörte nicht einen Ton. Reicher Beifall belohnte den Künstler. Als darauf die Gesellschaft eingeladen ward, sich in den Speisesaal zu begeben, wurde dem Baron Hohenacker der Platz neben Theresa Bernstein angewiesen. „Sie essen nicht?" fragte der Baron, als Theresa die Suppe an sich vorübergehen ließ. „Ich habe doch gehört, daß Frau Meyerstein ihren Haushalt nach jüdischem Ritus führt!" „„Freilich,"" antwortete Theresa, „„allein ich bin gewöhnt, diese Angelegenheit etwas strenger zu nehmen, als sie hier im Haufe behandelt wird."" „Ich möchte Sie bitten, mir zu erklären, wieso Sie wissen, daß die heilige Schrift die Musik hochschätzt." „„Dafür kann ich Ihnen viele Beispiele anführen. Die heilige Schrift nennt uns die Begründer der Cultur mit Namen, vor Allen den Erfinder der Wohnungen; ohne Wohnung gibt es keine Familie, und der Erste, der ein Zelt aufschlug , um sich und den Seinen eine gemeinsame Wohnung zu schaffen, war gewiß der Vater aller Cultur. Neben diesem wird der Erfinder der Schmiedekunst, der erste Verfertiger der für die Cultur unentbehrlichen Werkzeuge aus Eisen und Kupfer genannt, und der Dritte im Bunde ist der Erfinder der Musik, der Verfertiger und Benutzer der Saiten - und Blas - Instrumente. Sie sehen, daß die heilige Schrift den ersten Musiker zu den Vätern der (Zivilisation zählt. Das Zelt und die Hürde, die Wohnung für die Menschen und die sich zu ihnen gesellenden Thiere, die Pflugschar und die Harfe — das sind die Grundlagen, auf denen sich unsere ganze Civilisation auferbaut hat."" „Ich bewundere Ihre Gelehrsamkeit ebenso sehr wie Ihre geistreiche Auffassung. Sind Sie durch eigenes Nachdenken zu diesen Resultaten gelangt?" „„Nein, ich verdanke sie meinem würdigen Lehrer, dessen Schule ich in M., wo mein Pater früher wohnte, besucht habe."" „Sie waren so gütig, mir noch mehr Beispiele in Aussicht zu stellen." „„Als unser Vater Jakob zweiundzwanzig Jahre lang seinen geliebten Sohn Joseph als tobt beweint hatte und als dann endlich die wunderbare Kunde kam, daß Joseph lebe als Herrscher des größten, reichsten, gebildetsten Staates jener Zeit, da fürchtete man, daß die plötzliche Freude dem alten Vater schaden könne; man wählte die Musik zur Vermittlerin der freudigen Kunde. Serach, die Tochter Ascher's, sang ein Lied zur Harfe, und so erfuhr der Großvater, dem Liede der Enkelin lauschend, die Nachricht, deren Freudenfülle ihn sonst hätte tödten können."" „O, das ist schön, sehr schön! So tritt also die Musik wohlthätig ein, indem sie selbst die Freude lindert." „„Als Gott sein Volk aus Aegypten befreit, als Er es am Schilfmeere von großer Gefahr errettet hatte, da priesen im Liede Moscheh und die Kinder Israel die Wunder des Allmächtigen, und allen Frauen zog mit Musik und Tanz die gottbegeisterte Prophetin Mirjam voran; ihr folgten alle Töchter Israels, in herrlichen Liedern die Güte des Allerbarmers preisend."" „Auch Sie, mein Fräulein, erscheinen mir als eine begeisterte Prophetin. Alles, was Sie mir sagen, ist mir ganz neu." „„Und haben Sie noch nicht von David gehört, dem erhabenen Sänger, der als Hirtenknabe, als Flüchtling, als König, als Büßer, als Sieger unvergleichliche Gesänge sang und sie mit den verschiedensten Instrumenten begleitete, Gesänge, die noch heute geeignet sind, eine jede Menschenbrust zu entzücken?"" „Wohl habe ich von David und seinen Psalmen gehört; doch muß ich gestehen, daß ich für Beide bisher wenig Sympathien gehabt habe. In den Gesellschaftskreisen, in denen ich zu verkehren gewohnt war, singt man keine Psalmen." Die Tafel wurde aufgehoben. Herr Bernstein kam, um seine Tochter nach Hause zu führen. Zuvor aber erbat sich und erhielt Baron Hohenacker die Erlaubniß, Herrn Bernstein in seiner Wohnung besuchen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz Mainzer Anzeiger).