Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1876)
- Date
- 1876-09-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447680--12903-2468748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
860 spricht oft sehr wenig die Wirklichkeit. Wir befürchten nicht, durch eine vollständige Aufrichtigkeit und strenge Unparteilichkeit zu mißfallen. Wir wollen den Frieden, aber auch die Wahrheit. ,3,in noxm. Frankfurt a. M. Die Zahl der gemeinnützigen Anstalten hat sich abermals um einevermehrt. Das Waisenhaus für israelitischeKnaben, durch freiwilligeBeiträge gegründet, ist nunmehr in aller Stille seiner Bestimmung übergeben worden. Schon von Außen macht das anspruchslose Gebäude (verlängerte Uhlandstraße) einen wohlthuenden Eindruck. Im Parterre befindet sich die Wohnung des Waisenvaters, ein geräumiges Arbeitszimmer, eine große Küche mit Speiseaufzug, Speisekammer u. s. w., im ersten Stock der Speisesaal, ein Zimmer für Privatunterricht, Sitzungssaal, Betsaal u. s. w, im zweiten Stock zwei sehr große luftige Schlafsäle, nebenan auf der einen Seite das Waschzimmer mit Badeeinrichtung und Gasofen, auf der andern ein Krankenzimmer, an welches das Schlafzimmer des Waisenvaters stößt, im dritten Stock acht Mansarden und Bodenkammer. Waschküche und Keller fehlen selbstverständlich nicht. Ein großer Garten und ein hübscher Spielplatz, auf welchem eine Turnhalle noch errichtet werden soll, vollenden die mit allem Röthigen bedachte Einrichtung des Instituts, welches einem durch die geänderten Verhältnisse hervorgerufenen Bedürfnisse abhilft. Raum ist für 40 Knaben; doch dürfte zur Unterhaltung der vollen Zahl noch manches sinanzielle Opfer wohlhabender Menschenfreunde erforderlich sein. Hannover. Wie Reformsucht mit Albernheit gepaart, Lächerlichkeiten erzeugen können, beweisen einige Einrichtungen in der hiesigen jüdischen Gemeinde, die theils sich nach und nach eingefchlichen haben, theils erst in letzter Zeit getroffen worden. Von der ersten Sorte wollen wir Folgendes registriren. Es ist wohl allbekannt, daß der Gebrauch einen ]nn nach seiner Hochzeit als arn zum Aufrufen zu betrachten, sich nur auf die Dauer von sieben Tagen nach der Hochzeit ausdehnt. Nachdem aber die unjüdische Sitte, Hochzeitsreisen zu machen, auch unter Juden Nachahmung gefunden hatte, fällt selbstverständlich bei der Rückkehr nach jener verflossenen Zeit nach Hause auch jener am weg. In hiesiger Gemeinde denkt man aber anders. Vor einigen I ihren geschah es, daß ein Verwandter des Synagogenvorstehers, der drei Wochen nach seiner Hochzeit von der Reise zurückkam, doch gewünscht hat, als jnn aufgerufen zu werden, dem Wunsche willfahrte der Onkel und der Vorbeter mußte dem Befehle des Vorstehers Gehorsam leisten. Zum Lobe des Gemeindevorstehers müssen wir erwähnen, daß derselbe gegen diese Neuerung seine Stimme erhoben hatte, aber der Synagogenvorsteher trug bei diesem Kampfe den Sieg davon, und da darauf mehrere D\inn dasselbe Recht auch für sich in Anspruch nahmen, so wurde es nach und nach zum Gesetze erhoben. Auf diese Weise wurde der Hannoversche Schulchan Aruch noch um einen neuen jh bereichert. Die der zweiten Sorte ist nicht minder lächerlich. Seitdem die hiesige Gemeinde eine Pracht- Synagoge erhalten hat, in der selbstverständlich (?) Reformen eingeführt wurden, bemüht sich der Synagogenvorsteher, da jenes herrliche Gebäude auch von Nichtjuden sehr oft besucht wird, die Einrichtungen so zu treffen, daß sie auch den Beifall dieser Besucher erhalten. Es wird also dem ästhetischen Sinne und dem musikalischen Gehör der fremden Besucher Rechnung getragen und daher verordnet, daß der Chor nicht mehr Omen antworten soll, sondern Amen. Wir vermögen zwar nicht zu urtheilen, ob es wirklich schöner klingt, da unsere musikalischen Kenntnisse sehr gering sind, aber die Synagogencommission, die aus lauter Musikkennern (?) zusammengesetzt ist und folglich es besser wissen muß, erklärte, die Laute Omen beleidigen das Ohr der feinfühlenden Christen, während die Laute Amen ihrem Geschmack mehr Zusagen, da sie solche auch in der Kirche vernehmen. (Warum berücksichtigt man aber nicht die große Zahl der religiösfühlenden Besucher??) Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien, 30. August. Das jüngste Heft der „Statistischen Monatsschrift" enthält einen Aufsatz von vr. F. Juraschek über den Besuch der österreichischen Universitäten in den Jahren 1861 bis 1875. Wir entnehmen der sehr fleißigen Arbeit die folgenden interessanten Daten: Bis 1875 besaß Oesterreich sechs Universitäten, und zwar zu Wien, Graz, Innsbruck, Prag, Krakau und Lemberg. Der Universitäts-Besuch ist von 9993 Studirenden in beiden Semestern des Jahres 1861 auf 17,891 im Jahre 1875 gestiegen, nahm daher um 7898 d. i. um 79 Percent oder jährlich um 4.25 Percent zu, während die Bevölkerung in derselben Zeit sich nur um Ooi Percent jährlich vermehrte. Was die Confession betrifft, so herrschen, entsprechend „dem confessionellen Charakter" Oesterreichs, die Katholiken vor. Von 100 Hörern sind