Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1876)
- Date
- 1876-09-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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247 sicht des jungen Mädchens; sie hatte hier nur Bedürftige zu treffen geglaubt, die Anwesenheit eines anständig gekleideten Herrn machte sie befangen. Werner gewahrte es und trat auf sie zu. „Wir haben wohl die Ehre, Fräulein v. Mosbach vor uns zu sehen." Helene bejahte lächelnd: „„Und ich habe wohl das Vergnügen, Herrn Werner hier zu treffen?" fügte sie hinzu. „„Wo ist denndiekranke Frau?"" „Dort im Bette," versetzte Frau Levi, „sie ist sehr schwach." & Helene trat zur Kranken und erkundigte sich in theilnehmenden Worten nach ihrem Befinden und nach ihren Wünschen. „Schwach bin ich," klagte die Polin ohne die Augen zu öffnen, „ich hob mer iben midt; Wein mecht' me gut thon." Helene zog ihre Börse aus der Tasche und trat zu dem Manne, der die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, neugierig auf die vornehme Dame blickte. „Nehmen Sie," sagte sie, „und besorgen Sie kräftige Nahrung für Ihre kranke Frau; sie wünscht Wein, zögern Sie nicht, holen Sie ihn aus der nächsten Handlung." Doch der Pole schob verlegen das spitze Sammetkäpchen auf die Seite und rieb sich den Kopf, sehnsuchtsvoll ruhten seine Blicke auf der wohlqefüllten Börse, doch seine Hände regten sich nicht,' sie zu empfangen. „Nehmen Sie doch," wiederholte Helene ungeduldig. „Ihre Frau ist schwach und verlangt nach Wein; er wird sie vielleicht stärken." „Freilen leben, Gott soll Sie lassen leben hundert und zwanzik Johr." „„Das ist ein sehr freundlicher Wunsch, doch werden Sie Ihrer Frau vermuthlich auch nur Gutes wünschen und darum zögern Sie nicht länger; sie verlangt nach Wein."" „Entschuldigen Sie den Mann," fiel Werner ein, „er kann im Augenblick von Ihrer mildthätigen Gabe keinen Gebrauch machen; wir haben nämlich Sabbat heute und dürfen am Sabbat das Geld auch nicht einmal berühren." Verwundert schaute Helene zu ihm auf. „„Sabbat"", wiederholte sie, „„und am Sabbat dürfen Sie Geld nicht berühren?"" „So ist es, mein Fräulein," bestätigte Werner. Sie schüttelte staunend das schöne Haupt. „„Seltsam, in der That seltsam — doch soll denn die arme Frau in Rücksicht auf den Sabbat der Stärkung entbehren? — vielleicht könnte mein Mädchen —"" „Sie sind sehr, sehr gütig, Fräulein; doch ich weiß in der That nicht, ob wir der Kranken so ohne Weiteres Wein reichen dürfen. Ich habe im Laufe des Nachmittags einen Arzt hergeführt und dieser fand die Frau' fieberhaft erregt. —" „„Das ändert freilich die Sachlage"", versetzte Helene, „da müssen wir wohl den Arzt erst um Erlanbniß fragen. Doch ich gestehe offen, so sehr ich. die religiöse Ueberzeugung eines Jeden achte, es erschien mir hart, sehr hart, daß die schwache Frau um des Sabbat willen den Wein, nach dem sie sich zu sehnen scheint, entbehren solle."" „Uns Juden", erwiderte Werner lächelnd, „erscheinen die Entbehrungen, die unsere Religionsgesetze uns auferlegen, nicht so hart." „„Ich bin doch auch Jüdin,"" cntgegnete Helene, „„doch von derartigen religiösen Bestimmungen ist mir nichts bekannt."" Ein Schatten glitt über Werners männlich schönes Antlitz. Helene neigte sich über die Leidende, der sie gerne geholfen hätte. „„Frau Levi,"" wandte sie sich dann an diese, „„ich ersuche Sie dringend, pflegen Sie die Kranke gut und lassen Sie es ihr an nichts fehlen, ich bezahle Alles. Wird der Arzt sie morgen wieder besuchen?"" „Er versprach zu kommen," versetzte die Wittwe. „„So versäumen Sie ja nicht, ihn zu fragen, ob Sie der Kranken ihr Verlangen nach Wein gewähren dürfen."" Die Wittwe versprach Alles und nachdem Helene ihr das Packet Wäsche für die Kranke übergeben hatte, entfernte sie sich freundlich grüßend. Werner wartete bis sie das Haus verlassen, dann brach auch er auf. Ihr Weg war derselbe, die beiden jungen Mädchen schritten langsam die Straße entlang kaum zwanzig Schritte vor ihm; er wußte selbst nicht warum, aber er wollte es vermeiden, ihr auf der Straße abermals zu begegnen und mäßigte daher seinen gewöhnlich raschen Gang. Jetzt halten sie das Ende der Straße erreicht, bogen um die Ecke und ein weiter Marktplatz, auf dem zahlreiche Droschken der Fahrluftigen harrten, lag vor ihnen. Werner sah zuerst die Zofe auf eins der etwas eleganteren Fuhrwerke zuschreiten und mit dem Rosselenker sprechen, dann öffnete sie den Schlag und ließ ihre junge Herrin einsteigen und der Wagen rollte davon. Ein unaussprechlich schmerzliches Gefühl durchzuckte Werner's Brust; er hatte das junge Mädchen heute zum ersten Mal gesehen, aber in einer Situation, die sein lebhaftestes Interesse erweckte; sie war so schön gewesen, so wunderbar schön in der Ausübung reinster Menschenliebe — warum