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Der Israelit · 1876-09-06 · Heft 36 (6.9.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 36 (6.9.1876)
Date
1876-09-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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846 „Sprich nur, ich bin allein, was hast Du erfahren?" fragte Helene. „„So eben geht er hinauf in seine Wohnung, gnädiges Fräulein; wollen Sie ihm rasch einige Zeilen schreiben?"" „Aber wie heißt er denn?" „„DaS habe ich noch nicht erfahren, doch das schadet ja nichts; ich werde ihm eigenhändig Ihr Billet übergeben und seine Antwort entgegennehmen; auf den Namen kommt es doch nicht an."" „Du hast Recht; wenn ich zögere, könnte er sich wieder entfernen und dann wären wir nicht im Stande, die Unglücklichen zu unterstützen." Sie eilte zum Schreibtisch und warf folgende Zeilen auf's Papier: „Mein Herr! Ohne auch nur das Vergnügen zu haben, Ihren Namen zu kennen, erlaube ich mir, im Interesse der Humanität, Sie zu ersuchen, mir womöglich den gegenwärtigen Aufenthaltsort jenes unglücklichen Paares angeben zu wollen, in dessen Begleitung Sie in der heutigen Mittagsstunde die Straße hinaufschritten." Mit aufrichtiger Hochachtung Helene von Mosbach." Rasch schob sie nun das Blatt in ein Couvert und Susanne eilte fort. Helene begab sich wieder in ihr eigenes Zimmer, um von hier aus den Schritten der Zofe wenigstens mit den Augen zu folgen. Ungeduldig sah sie der Antwort auf ihr Schreiben entgegen, denn ihr warmes, weiches Herz wallte über in Mitleiden mit den Armen, die ihr Vormund so chart angelassen. Daß ihr Schreiben an einen ihr völlig Fremden auffallend, vielleicht gar unpassend, das kam ihr nicht in den Sinn, sie wollte Helsen, die Nebenumstände betrachtete sie nicht. Voll Ungeduld schaute sie auf das gegenüberliegende Haus. Zehn Minuten mochten verstrichen sein; da sah sie Susanne wieder über die Straße laufen und eilte bis zur Thür ihr entgegen. „Gib", rief sie, erbrach hastig das Schreiben, das die Dienerin ihr reichte und las: * „Mein Fräulein! In höflicher Erwiderung Ihrer sehr geehrten Zeilen theile ich Ihnen mit, daß die erwähnten Unglücklichen ... Straße Nr. 4 drei Stiegen hoch bei der Wittwe Levi sich aufhalten. Sollten Sie geneigt sein, denselben Ihre Unterstützung zukommen zu lassen, so bin ich gern bereit, dieselbe zu übermitteln. Mit der Versicherung vorzüglicher Hochachtung L. Werner." „ . . . Straße, weißt Du, wo daist?" „„Ei freilich, gnädiges Fräulein; es ist das eine ganz entlegene Gasse, wo nur arme Leute wohnen. Dorthin können das gnädige Fräulein unmöglich gehen. Der Herr da drüben, ich glaube er heißt Herr Werner, hat mir auch gesagt, daß er von jetzt an noch eine Stunde zu Hause sein würde, wenn Sie vielleicht gesonnen wären, ihm für die Armen einiges zu senden, ich traf ihn gerade beim Mustern seiner Kleider und Wäsche, ich vermuthe, daß er für die Polen einiges heraussuchen wollte."" „Das wollen wir auch thun," rief Helene, „geschwind, Susanne, schließe die Schränke auf, suche Passendes für die arme Frau. Aber warum meinst Du denn, daß ich nicht selbst dorthin gehen könnte?" „„Die Gasse ist so sehr entlegen und wenn der Herr Commerzienrath —" „Schon wieder der Commerzienrath, ich habe Dir schon einmal gesagt, daß ich mich um den nicht kümmere. Ich habe mir nun einmal vorgenommen, nach besten Kräften für die Armen zu sorgen und dazu ist es nothwendig, daß ich sie selbst spreche." Es war am Abend desselben Tages; in dem kleinen ärmlichen Stübchen der Wittwe Levi brannten bereits die beiden Sabbatlichter auf dem roh gezimmerten, doch heute mit blendend weißen Linnen gedeckten Tisch. Wenige Holzsessel und zwei gleichfalls ärmliche, doch sauber gehaltene Betten bildeten das ganze Ameublement des Zimmers. Auf dem einen Bette ruhte die arme Polin, die wir am Mittag vor des Commerzienraths Thür getroffen. Die Wittwe Levi, eine arme aber äußerst brave Frau, hatte auf Werner's Fürsprache sich bereit erklärt, das polnische Ehepaar bis zum Sonntag zu beherbergen und saß sie nun am Bette der Kranken und bemühte sich nach bester Einsicht, der Leidenden Linderung zu verschaffen, während deren Gatte eben im Begriff war, dem theilnehmenden Manne, der sich ihrer so mildthätig angenommen und der sie auch jetzt am Abend noch ausgesucht hatte, um sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen, in ziemlich lautem Flüsterton die Geschichte seines unverschuldeten Elends zu erzählen. Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn und auf dar einladende Herein der Wirthin trat eine junge, äußerst elegant gekleidete Dame, gefolgt von einer Dienerin, die ein ziemlich umfangreiches Packet trug, ins Zimmer. Es war Helene. Leo Werner war aufgestanden und hatte sie gleich der Wirthin mit ahnungsvoller Verneigung begrüßt. Eine leichte Röthe überzog das Änge-

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