Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1876)
- Date
- 1876-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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839 Güstrow, 11. August. Herzergreifend sind die ganze Spalten des Jnseratentheils des „Hammagid" ausfüllenden Aufrufe aus Rußland und Polen, betreffend ihren Frauen und Kindern entlaufene Männer. Aber nur in den seltensten Fällen iß der Ruf der Verlassenen von Erfolg; größtenthesls verhallt er leider in der großen weiten Welt. Da faßt oft die zur Wittwe gewordene den verzweifelten Entschluß, selbst die kaum merkbaren Spuren ihres Mannes aufzusuchen und siehe — die unerschütterliche Entschlossenheit eines schwachen Weibes vermag mehr, als die großen, lärmschlagenden Jammerrufe in der erwähnten Zeitschrift. So erhielt der hiesige Gemeindevorstand von dem in Neu-Brandenburg in Mecklenburg-Strelitz ein Schreiben, in welchem um die Weiterbeförderung einer aus Rußland kommenden Frau, die mit ihren Kindern mit dem nächsten Zuge in Güstrow anlangen soll, dringend gebeten wird. Da war guter Rath theuer. Denn Mecklenburg ist den „Schnorrern" ein Schrecken, vul§o eine „Lrefeue Medine", da hier mit Individuen solchen Menschenschlages kurzer Prozeß gemacht wird, indem man ihnen auf 6 Wochen, und oft noch länger, ein Quartier in dem hiesigen Landes- Arbeitshaus anweist, wo sie zu allerlei schweren Arbeiten angetrieben werden.*) Würde nun diese Frau mit ihrer ganzen Familie in die Stadt gekommen sein, so hätte sie durch die Hand eines Gesetzvollstreckers ohne Erbarmen einem solchen Schicksale entgegengesehen. Glücklicherweise suchte sie aber nur in Begleitung ihres 5jährigen Söhnleins die Wohnung des Vorstandes auf und entging so dem spähenden Auge der Polizei. Zwei Vorstandsmitglieder, Herr S' M. Bragenheim und Herr D. Mendel eilten trotz der Schwüle des Tages nachdem Bahnhofe, wo sie auch die übrigen 4 Kinder — das älteste zählte der Jahre 9 — nur mit Hemdchen und großen Arba-Kanfos bekleidet, auf der Erde sitzend, antrafen. Schnell wurden Billets 3. Klasse nach Lübeck gelöst, von wo sie nach Hamburg befördert werden sollten. Herr Joseph Bragenheim benutzte noch die kleine Spanne Zeit und ließ einen Anzug vom Hause für einen der Knaben herbeiholen, und die auf dem Perron wie im Coupe anwesend gewesenen Israeliten legten eine namhafte Summe zusammen, die, zum Erstaunen der anderen Passagiere, der armen Frau übergeben wurde. Diese erzählte, es sei ihr nach langem Forschen gelungen zu erfah¬ *) 2lnm. des Corresp.: Das Mecklenburgische Landesarbeitshaus zu Güstraw — früher Residenz der Herzoge Mecklenburg- Güstrow — beherbergt über 400 Bettler aller Länder und Religionen. Dst sitzt ein ganzes Minjan polnischer Juden darin. ren, daß ihr Mann in Liverpool sei. und sie sei entschlossen, selbst ohne eigene Mittel dahin mit ihren Kindern zu reifen. Viel Glück! (Jsr. Wchsch.) Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wal.-Meferttfch, 9. Juli. Hier war eine Art Judenhetze dadurch provocirt worden, daß man die zwölfjährige Tochter des hiesigen Winkelschreibers Peter Binnar, welche angeblich ohne Wissen der Eltern von Krasna verschwand und nicht eruirt werden konnte, von den Juden aufgefangen, geschlachtet und ihr Blut zur Bereitung der Osterbrode verwendet sein ließ. Es erfolgte, wie die „Tribüne" meldet, zur Nachtzeit eine förmliche Belagerung des auf dem Stadtplatze in Meseritsch stehenden Hauses des israelitischen Cultusvorstehers Adolf Deutsch; Mutter, Tochter und Geschwister umstanden unter Weinen, Schimpfen, Fluchen und Wehklagen dasselbe, in welches gewisse Leute zuletzt das vermißte Christenkind eintreten sahen, und lockten eine Menge leichtgläubiger und scandalsüchtiger Zuschauer herbei, die in Gemeinschaft das Haus, in dem Stephanie Binnar, so heißt das vermißte Mädchen, geschlachtet worden sein sollte, stürmten. Der Bezirkshauptmann beorderte zur Herstellung der Ruhe Gendarmen, denen eS auch im Vereine mit einigen hiesigen Bürgern gelang, die aufgeregte Volksmenge zu beschwichtigen, und um 1 Uhr Nachts war der Krawall zu Ende. Noch einige Zeit nachher wurden, trotzdem gleich am folgenden Tage die telegraphische Anzeige herablangte, das geschlachtete Christenkind lebe wohlbehalten in Neutitschin bei seiner Großmutter, böswillige Verdächtigungen der Juden ausgestreut. — Nachdem die umfangreiche Untersuchung eine zweitägige Verhandlung mit einem Zeitaufwande von mehr als 20 Stunden erforderlich gemacht hatte, fand nun heute die Publicirung des Urtheils bei dem hiesigen Bezirksgerichte vor einer zahlreich versammelten Menge statt. Es wurden die Mutter des angeblich vermißten Kindes, Barbara Binnar, zu zwei, deren Tochter Bertha zu einem Monat Arrest, die übrigen Theilnehmer, acht an der Zahl, zu zwei bis drei Wochen strengen Arrestes verurtheilt. (I. Pr.) Pesth. In Bezug auf die vom ungarischen Cultusminister ausgesprochene Ungültigkeitserklärung der Ehe einer zum Judenthum übergetretenen und mit einem Juden verheiratheten Katholikin, bringt der „Ung. Jsr." folgenden Artikel: „Darf ein Christ Jude werden? Nun weiß man schon gar nicht mehr, woran man sich halten soll. Es sind bekanntlich zu w:ederholten Malen Fälle vorgekommen, wo ein Christ oder eine Christin zum Juventhum übergetreten ist, ohne