Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1876)
- Date
- 1876-08-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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823 ich'S durch ihn erfahren; dann gehen wir beide heute Abend, wenn der Vormund im Club ist, dorthin und suchen den Unglücklichen zu helfen." Die Zofe nickte zustimmend. „„Gnädiges Fräulein sind die Güte selbst."" „Laß' das, Du weißt, ich kann eS nicht leiden. Aber nun geh', erkundige Dich wie der Herr da drüben heißt; dann werde ich ihm ein paar Zeilen schreiben und ihn ersuchen, mir den Aufenthalt der Leute mitzutheilen." „„Aber wenn der Herr Commerzienrath — „Thue wie ich Dir befohlen, ich übernehme die Verantwortung. Susanne", fuhr sie fort, als sie das Mädchen noch zaudern sah, „ich habe geglaubt, Du hättest ein gutes Herz." „„Gnädiges Fräulein haben sich nicht geirrt, mag Herr von Mühlheim zanken, so viel er will, ich thue was Sie wünschen."" „Es wird Dein Schaden nicht sein. Aber nun geh', erkundige Dich nach dem Namen des Herrn, und sobald Du ihn erfahren, postire Dich hier an dieses Fenster und halte das Haus da drüben im Auge. Sobald Du den Inwohner zurüükommen siehst, sagst Du es mir." „„Sehr wohl, doch ich höre den Herrn Commerzienrath, er wird das gnädige Fräulein zum Diner erwarten."" „Abscheuliche Gesellschaft," murmelte das junge Mädchen, „wenn ich nur erst älter, wenn ich nur erst mündig wäre, am liebsten —" Sie wurde unterbrochen; die Thür ging auf und Herr Commerzienrath Mühlheim trat in's Zimmer. „Ergebener Diener, liebe Helene, wie steht das Befinden? Sie scheinen ja in der That gar kein Bedürfniß nach dem Diner zu verspüren, sonst hätten Sie mich nicht so lange warten lassen. Ich war, weiß Gott, Ihretwegen schon besorgt." „„Das thut mir leid, Herr Commerzienrath, ich bitte sehr, sich nicht so leicht zu ängstigen; mein Befinden läßt in der That nichts zu wünschen übrig, obgleich Ihre Vermuthung richtig ist, daß ich nach dem Diner durchaus kein Verlangen empfinde."" „Was Sie sagen, liebe Helene!" rief der Commerzienrath, die Hände zusammenschlagend. „Sie hätten in Wirklichkeit keinen Appetit? ei, da muß doch sogleich der Doktor kommen, Johann!" »„Aber Herr Commerzienrath,"" rief Helene lachend, „„wollen Sie mich denn mit Gewalt zur Patientin machen? ich bin ja so gesund wie ein Fisch im Wasser."" „Aber Sie leiden doch an Appetitlosigkeit." „„Kommen Sie, lassen Sie uns zu Tische gehen, da werden Sie sich mit eigenen Augen überzeugen, daß es mit meiner Appetitlosigkeit nicht so weit her ist."" „Darf ich in der That hoffen, daß Sie einiges genießen werden, liebe Helene? aber Sie dürfen sich um keinen Preis Zwang anthun." „„Es wird schon gehen,"" erwiederte Helene unmuthig lachend; denn sie empfand die süßliche zur Schau getragene Sorgfalt ihres Vormunds stets als Pönitenz. „Ich war vorhin übler Laune und hatte deßhalb keine Luft zum Essen."" „Sie liebes, böses Kind, wie Sie mich alten Mann nur so erschrecken konnten. — Sehen Sie, liebe Helene, ich habe auf der ganzen weiten Welt Niemanden als Sie, und darum überfällt mich gleich eine solch entsetzliche Angst, wenn —" „„ Ist es Ihnen nicht gefällig, zu Tische zu gehen, Herr Commerzienrath? Das Essen könnte verderben."" „Sie haben Recht, Sie haben Recht. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?" Helene nahm den Arm ihres Vormunds und Beide begaben sich in's Speisezimmer. DerCommerzienrath war voll Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit gegen seine junge Mündel, doch diese war verstimmt und schien seine Bemühung kaum zu bemerken. Der Commerzienrath schüttelte den Kopf. „Sagen Sie mir um des Himmels Willen, theuerste Helene, was Ihnen ist? ich vergehe ja vor Angst." Helene trommelte ungeduldig mit der Spitze ihres schmalen Füßchens auf die Erde. „„Wenn Sie denn so sehr darnach verlangen, die Ursache meiner Verstimmung zu kennen, so will ich sie Ihnen denn auch nicht länger voreuthalten. Ich war vorhin am Fenster und vernahm vom Fenster aus Ihre Unterhaltung mit dem polnischen Juden, und —"" „Und wie kommt denn das zu Ihrer Verstimmung?" „„Je nun, ich dachte mir nur, wie glücklich der arme Mann gewesen wäre, wenn er seiner kranken Frau das Fleisch hätte bringen können, was Sie da für Ihren Hund zerschneiden."" „Nicht übel," lachte der Commerzienrath, „nicht übel in der That. Polnischer Jude und Hund, wo ist der Unterschied? eine allerliebste Idee das." Helene erglühte vor Unwillen. „„Ich bitte Sie,",# rief sie gereizt, „„Ihre eigenen herzlosen Ideen, die Ihr schmutziger Geiz Ihnen eingibt, nicht für die meinen ausgeben zu wollen."" Der Commerzienrath fuhr in die Höhe. Gewöhnlich gegen seine Mündel verbindlich vorge-