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Der Israelit · 1876-08-30 · Heft 35 (30.8.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 35 (30.8.1876)
Date
1876-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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824 neigt, saß er mit einemmal kerzengerade da, der süßliche Ausdruck feines Angesichts war verschwunden, seine kleinen grauen Augen schienen das junge Mädchen durchbohren zu wollen. „Ick habe Sie nicht verstanden, Fräulein von Mosbach!" sagte er kalt. Helene fühlte, daß sie zu weit gegangen; so sehr sie ihn verachtete, so war er doch immerhin ihr Vormund, der sie mit Aufmerksamkeiten förmlich überhäufte und sah sie sehr wohl ein, daß sie ihrer Verachtung nicht hätte Ausdruck leihen dürfen. .»„Verzeihen Sie mir den unziemlichen Ausdruck, Herr Commerzienrath,"" bat sie, „„er ist mir so entschlüpft, ich weiß selbst nicht, wie. Ich bitte Sie dringend, verzeihen Sie mir."" „Es freut mich," entgegnete der Commerzienrath, „daß Sie das Unziemliche Ihrer Aeußerung selbst einsehen; wie sehr Sie mich dadurch verletzt haben, können Sie sich denken." „„Ich bitte Sie nochmals inständigst um Entschuldigung."" „Bitte, bitte, reden wir nicht weiter davon. Doch ich sehe ein, daß es nothwendig ist. Ihnen die Motive meiner Handlungsweise auseinander zu setzen, um nicht abermals in die unangenehme Lage zu kommen, von einem mir so theuren Herzen so falsch beurtheilt zu werden. Helene," fuhr er fort, „Sie sehen häufig vagabundirende Bettler um Almosen ansprechen und da Sie wissen, daß ich principiell jedes Almosen ihnen verweigere, so halten Sie sich berechtigt, mich geizig, herzlos zu nennen." „„Ich bitte Sie abermals um Entschuldigung."" Der Commerzienrath achtete nicht auf diese Unterbrechung. „Wie können Sie denn wissen, ob es mir nicht zehnmal schwerer fällt, die zudringlichen Bettler abzuweisen, als sie durch ein paar Gulden im Nu los zu sein?" Um des jungen Mädchens Lippen zuckte es seltsam, doch sie erwiderte Nichts. „Liebe Helene, Sie sind noch sehr jung, kennen das Leben noch sehr wenig und nehmen daher jedes Wort, das Sie von den Bettlern hören, für bare Münze, und doch kann man mit ruhigem Gewissen behaupten, daß in der heutigen Zeit, die jede Arbeitskraft so hoch schätzt, jeder Bettler von vornherein ein Lump ist. Wer arbeiten will, braucht nicht zu betteln, das steht fest. Bettler unterstützen, heißt daher nur den Müssiggang unterstützen und Müssiggang ist aller Laster Anfang. Die Wahrheit dieses Sprichworts lernt man um so deutlicher erkennen, wenn man die Bettlerschaar in Betracht zieht, die Jahr aus Jahr ein von Polen aus ganz Deutschland überschwemmt. Der Gemeindetag in Leipzig, zu dem die angesehensten Gemeinden ihre angesehensten Männer als Vertreter gesendet, hat daher in klarer Würdigung der Sachlage sämmtliche Gemeinden aufgefordert, dem Krebsschaden der heutigen Judenheit, denn als solchen muß man diese Wanderbettelei bezeichnen, Einhalt zu thun und damit zu beginnen, keinem der vagabundirenden Bettler auch nur einen Denar zu verabfolgen." „„Und wenn nun aber Arbeitsunfähige, Kranke oder sonstige schuldlos Unglückliche unter diesen Bettlern sich befinden?"" Der Commerzienrath zuckte die Achseln: „Das ist schwer anzunehmen. Doch wenn es auch wäre, sollten wir um Einzelner willen unseren großen Zweck gefährden? Wir wollen die Armuth ausrotten und Almosen geben heißt dem Fortbestand der Armuth Vorschub leisten." Helene kräuselte die Purpurlippen. „„Ein drastisches Mittel,"" murmelte sie, „„die Armuth auszurotten, wenn man die Armen Hunger sterben läßt."" „Schon wieder bitter," sagte der Commerzienrath vorwurfsvoll, „doch ich verzeihe Ihnen, Sie sind zu jung, um das Zweckmäßige unserer Maßregel einzusehen. Reden wir von etwas Anderem. Wie gedenken Sie den heutigen Abend zuzubringen? Es ist Freitag, mein Club-Abend, wie Sie wissen. Kann ich Sie vielleicht auf dem Heimweg aus dem Theater oder ans der Oper abholen?" „„Ich danke Ihnen, ich beabsichtige heute weder Theater noch Oper zu besuchen; es ist zu schwül. Eine Spazierfahrt oder auch vielleicht nur ein Spaziergang in's Freie wird angenehmer sein. Susanne kann mich begleiten."" „Wie Sie wünschen, wie Sie wünschen; Sie wissen, Sie haben in meinem Hause nur zu befehlen. Doch um Eins möchte ich Sie bitten, bringen Sie sich bessere Laune mit heim. Adieu, mein liebes Kind." Helene legte ihre kleine Hand in die ihr dargebotene Rechte ihres Vormunds. „„Adieu, Herr Commerzienrath! Sie zürnen mir doch nicht mehr?"" „Wer vermöchte Ihnen zu zürnen! weiß ich ja doch, daß Ihr ganzer Unmuth nur Ihrem warmen Herzchen entsprang." Er zog ihre Fingerspitzen an die Lippen und empfahl sich. (Fortsetzung folgt.)

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