Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1876)
- Date
- 1876-08-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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822 wenige Schritte und er hatte sein Ziel erreicht. Noch einen Blick wandte er auf die zurückbleibende Frau; ihre Augen begegneten einander, er nickte ihr ermuthigend zu und trat in das vor ihm liegende Haus. Erwartungsvoll hafteten die Augen der Kranken an der Thür, durch die ihr Mann verschwunden war; fünf Minuten verstrichen, zehn Minuten verstrichen, die Arme wähnte, die glühenden Strahlen müßten das Herz ihr versengen. Mit Aufbietung all ihrer Kräfte raffte sie sich empor und schwankte dem Hause näher, in dem ihr Mann sich befand. Da mit einem Mal vernahm sie eine laut keifende Stimme, sie hörte ihren Mann um Mitleiden, um Erbarmen für sein krankes Weib flehen, doch eine harte Stimme unterbrach ihn gebieterisch. „Fort, Gesindel! hier gibt's nichts, wir fördern die Wanderbettelei nicht; wer nicht arbeiten will, braucht auch nicht zu essen." „„Gott der Gerechte!"" jammerte der Pole, „wie gern wollt' ich schaffen! und hob' ich nit geschafft mei Lebtog? wenn sich der Herr wollt' erzählen lassen."" „Ich will nichts hören," schrie der Angeredete, wüthend mit dem Fuße stampfend, „packt euch oder ich rufe die Polizei." „„Und was soll ich thon?" schrie verzweifelnd der unglückliche Mann, „mei Weib liegt krank hier auf de Gassen!"" Doch statt aller Antwort ward auch er auf die Straße gestoßen; vor seinen trostlosen Blicken schloß sich die Thür. In einem der Fenster der Bel-Etage des Hauses, das der Pole noch immer umflorten Blicks anstarrte, lehnte ein junges Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren. Auch ihre Augen füllten Thränen, denn sie hatte mit inniger Theilnahme die düstere Scene da unten beobachtet. Sinnend schaute sie hernieder und schien zu überlegen, wie sie dem unglücklichen Paare helfen könne, als sie aus einem der gegenüberliegenden Häuser einen Herrn treten sah, der gleich ihr Zeuge des erwähnten Auftrittes gewesen war. Rasch schritt er auf die Unglücklichen zu, wechselte einige Worte mit dem Manne und ging dann mit beiden langsam die Straße hinunter. Das junge Mädchen schaute ihnen nach, bis sie durch die SLraßenwcndüng ihren Blicken entschwunden. „Herzloser Mensch!" murmelte sie vor sich hin, „Unmensch! Barbar!" und in ihrem Unmuth zerriß sie das feine Battisttuch, mit dem sie ihre hervorquellenden Thränen getrocknet. „Aber warte nur," fuhr sie forr, „trotz Deiner Unmenschlichkeit soll ihnen doch von Deinem eigenen Hause aus geholfen werden. Susanne!" rief sie laut. Eine Dienerin, nur um wenige Jahre älter als ihre jugendliche Herrin, zeigte sich auf der Schwelle des anstoßenden Zimmers. „„Gnädiges Fräulein befehlen?"" „Weißt Du nicht, ob die Wohnung da drüben im zweiten Stock vermiethet ist?" „„Die ganze Etage nicht, doch einige Zimmer sind seit einigen Tagen von einem einzelnen Herrn bewohnt."" „Der Herr ist noch nicht alt, nicht wahr? sehr bleich und hat schwarzes Haar und Bart." „„Ganz recht, gnädiges Fräulein."" „Weißt Du. wie er heißt?" Ein eigenthümliches Lächeln glitt über das Antlitz der Zofe. „„Ich weiß es nicht, doch wenn das gnädige Fräulein es wünschen, so werde ich mich erkundigen."" „Thue das und zwar baldmöglichst," erwiederte das junge Mädchen erröthend. „Aber noch eines, nenn' mich doch nicht beständig gnädiges Fräulein, ich habe Dir schon wiederholt gesägt, daß ich das nicht leiden kann." „„Aber der Herr Commerzienrath haben es befohlen und —"" »Zum Kuckuk mit dem Herrn Commerzienrath! was hat er Dir zu befehlen? Du bist in meinem Dienst und nicht in seinem." Die Zofe lächelte verlegen. „„Aber der Herr Commerzienrath sind doch der Vormund des gnädigen Fräuleins."" „Leider, leider! Na, nenne mich meinethalben wie Du willst, aber hilf mir nur diesen abscheulichen Vormund zu überlisten. Komm näher," fuhr sie leiser fort, „ich will Dir mittheilen, um was es sich handelt. Hast Du gehört, wie er da eben einen armen Mann, der ihn um Mitleid für sein krankes Weib anflehte, abgewiesen hat?" „„Gehört habe ich's nicht, aber ach, das ist ja keine Seltenheit hier im Hause; der Herr Commerzienrath glaubt ja wirklich, es gäbe keine größere Sünde, als Almosengeben "" „Ich war schon im Begriff, hinunter zu eilen, um den Unglücklichen ein paar Gulden zu geben, als ich mich noch rechtzeitig erinnerte, wie er mich vor einigen Wochen bei ähnlicher Gelegenheit mit Gewalt zurückgehalten. Während ich nun überlegte. wie ich trotzdem den Armen helfen könne, sah ich aus der Thür des gegenüberliegenden Hauses jenen Herrn treten, der, wie Du sagst, einige Zimmer dort bewohnt. Er scheint sich der armen Leute angenommen zu haben, denn ich sah ihn mit ihnen die Straße hinuntergehen. Er wird sicherlich wissen, wo sie zu finden' sind, und möchte