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Der Israelit · 1876-08-30 · Heft 35 (30.8.1876) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 35 (30.8.1876)
Date
1876-08-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XVII. Jahrgang. Erste Sritaae z« Nr. 35 des Zsraelit. Aeitungsnachrichten und Correfpondenzen Deutschland. Aus Württemberg, vr. L o e w e n st e i n, Sohn des isr. Lehrers Loewenstein in Heilbronn, wurde zum Justizassessor in Tübingen ernannt und ist der erste Israelit in Württemberg, der ein richterliches Amt bekleidet. Berlin. Auf dem anthropologischen Congresse in Jena berichtet Prof. Virchow über die Haar- und Augenfarbe der Schulkinder Deutschlands und knüpft daran das interessante Resultat der Untersuchung, die sich bis jetzt auf 6,619,729 Individuen erstreckt. Davon haben nahezu ein Drittel, 32,2 p. Ct., den reinen blonden Typus im mittleren Norddeutschland, in Hinterpommern, in Friesland erhalten. Längs der Oder und des Rheines trete vom Süden die dunkle Bevölkerung auf, die vom Norden eine Linie längs des deutschen Mittelgebirges scheidet. Bayern besitze 20,36 p. Ct., Preußen 35,47 p. Ct. helle Individuen. Auch unter den Israeliten Deutschlands seien 11,2 p. Ct. blond, und zwar gerade in solchen Gegenden, wo cie anderen Leute dunkel sind, so in Oberschlesien. Berlin. Der „Berl. fr. Pr." wird folgendes hübsche Stückchen -'rzählt: „Als ich gestern in Begleitung meiner Frau von der norddeutschen Wagenfabrik in der Richtung nach dem Plötzensee am Kanal entlang ging, begegneten uns zwei in jener Gegend sehr bekannte protestantische Missionäre, die sich ein Geschäft daraus machten, allen ihnen Begegnenden himmlisches Manna in Form von Traktätchen zu verabfolgen. „Es muß auch solche Käuze geben," — dachte ich, nahm das dargebotene Papier an und steckte es in die Tasche. Nicht weit von uns saß, die Angel in der Hand, ein ebenfalls arbeitsloser Maschinenbauer. Derselbe beschäftigte sich eben mit seiner Angelschnur, als die beiden Gläubigen in liebenswürdiger Besorguiß um sein Seelenheil oder in unverfrorener j Dummdreistigkeit — wie man's nimmt! — auch jej denfalls in der Annahme, daß er Zeit zum Studi- 1 ren habe, ihm von ihrem Manna verabreichten.! Der Angler nahm die Traktätchen mit klassischer! Ruhe entgegen, befestigte dann eins derselben an! den Angelhaken, wirft die Angel wieder aus; aber : kein Fisch zieht an! Dann wendet er sich zu den erstaunt dastehenden frommen Spendern und sagt mit unnachahmlicher Gemüthlichkeit: „Männeken, et beißt keener!" Feuilleton. Prosrlyteu. Von Friedrich Rott. XV. Jahre waren vergangen. Es war in der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages, glühend heiß sendete die Julisonne ihre Strahlen aus die verschmachtende Erde. Eine drückende Atmospähre herrschte in der Stadt; wer nicht gezwungen war, die schützenden Mauern zu verlassen, hielt sich im Hause, selbst in den beleblesten Stadttheilen war der Verkehr jetzt nur ein matter. Langsamen Schrittes, die Nummern an den Häusern aufmerksam musternd, schritt ein ärmlich ' gekleidetes Paar die Straße entlang. Die langen dunkeln Seitrnlocken, der kaftanähnliche schwarze Rock li?ß den polnischen Juden erkennen^; sorgsam stützte er die bleiche Frau an seiner Seite, die augenscheinlich krank, nur mit äußerster Anstrengung sich aufrecht zu halten schien. Endlich blieb sie stehen. „Heschlebeu", flüsterte sie, „ich kann nit weiter." „„Gitel, mein Kind,"" bat derMairn, „nemm Dir zusammen, mer sen gleich do."" Die kranke Frau schwankte einige Schritte weiter. Doch die Kräfte versagten vollends. „Ich kann nit", seufzte sie abermals und sank erschöpft auf eine beif steinernen Stufen des Hauses, an dem sie eben vorüber zu gehen im Begriff waren. Rathlos stand der Mann vor ihr; ängstlich besorgt auf die Leidende uiederblickend, fuhr er sich unablässig mit den gelben knochigen Fingern durch den langen Vollbart. „Gitelleben", sagte er endlich, „ruh der aus, derweil geh ich zum Parniß, 'List nor das dritte Haus." Die Frau neigte zustimmend das müde Haup und der Mann setzte allein seinen Weg fort. Nu

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