Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1876)
- Date
- 1876-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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820 geradezu entsetzlich war, das Glück sich mit dem Mädchen seiner Wahl zu verbinden, konnte sich nur auf das Unglück einer andern Familie gründen. Eine „Familienstelle" erwerben, war also gleichbedeutend mit Heirathen, und Heirathen durfte ein Jude nicht früher, als bis ein anderer starb! Dies war ein Gesetz, das erst mit dem Jahre 48 aufgehoben wurde, unter dessen furchtbaren Consequenzen selbst das jetzige Geschlecht noch zu leiden hat. Welchen Haß. welche Zerklüftung diese entsetzliche Maßregel in Häuser uud Familien gebracht, ist leicht denkbar! Doch ich will ja nicht von der vormärzlichen Zeit überhaupt, ich will ja nur die Geschichte von Esther Grünberg und ihres Verlobten Salomon Hirschfeld erzählen, die seit sieben Jahren mit denselben Aussichten, denselben Hoffnungen einer Familienstelle entgegenharrten und auch nicht ein einziges Mal kam unserem Pärchen der Gedanke von einander zu lassen. Sie hielten treu zu einander, obgleich es Salomon sehen mußte, wie die Rosen auf den Wangen seiner Esther erbleichten, und obgleich er wußte, daß sie bereits jenes Alter erreicht, wo Damen gewöhnlich anfangen, ihren Geburtstag in aller Stille zu feiern. War er doch selbst schon ein Jüngling von 35 Jahren. Und wir können nicht sagen, daß nicht schon oft die Versuchung in Gestalt eines HeirathsvermittlerS an beide herangetreten wäre. War es doch historisch festgestellt, daß Salomon die Tochter eines reichen Mannes ausgeschlagen, und daß Esther dem Sohne des Gemeindevorstehers einen Korb gegeben. Und das war es ja, was ihnen stets hindernd in den Weg trat und jedesmal ihre Pläne durchkreuzte, wenn sie sich schon am Ziele glaubten: der Haß des Vorstehers! Der Haß aber eines solchen Gemeinde-Paschas war in jenen Tagen etwas wahrhaft Furchtbares. Lag doch in seiner Hand das Geschick jedes Einzelnen der ganzen Gemeinde, hatte er doch die Macht, Glück und Unglück, Segen und Fluch über jede friedliche Hütte zu bringen, deun er hatte ja das erste Wort zu sprechen bei der Bertheilung der — „Familien!" Der Samstag war vorüber, der Sonntagn orgen war angebrochen, eine feierliche Stimmung herrschte in der Gasse, war es doch der Tag, an welchem entschieden werden sollte, ob und wie vielen es gegönnt sein würde, nach jahrelangem Hangen und Bangen endlich in den Hafen der Ehe 'einzulaufen. „Sei ruhig, Theure!" tröstete Salomon seine Braut. „Alles im Leben geht seinem Ende zu, hoffentlich auch unser Brautstand. Was kann er denn diesmal gegen uns einwenden. Die amtliche Prüfung (einer solchen mußte sich nämlich jedes Brautpaar unterziehen) haben wir glücklich überstanden. Auch der Allmächtige wird seine göttliche Prüfung auch zu unserm Wohle an uns vorübergehen lassen!" Die Sitzung war eröffnet, hoch gingen die Wogen der Debatten, und lautlos harrte die Menge vor der Thüre des Sitzungssaales, um möglichst schnell die Beschlüsse des hochweisen Rathes weiter kolportiren zu können. Da ertönte die Stimme des Vorstehers, der stets nicht nur das erste, sondern auch das letzte Wort hatte, er verlas laut die Namen der Glücklichen, die mit einer Familienstelle betheilt wurden und mit jedem Namen ertönten Jubelrufe der draußen harrenden Angehörigen. Mit jedem Namen wuchs die Spannung, und als auch der Zehnte, der Letzte verkündigt wurde, da ertönte ein lauter Weheruf aus der Versammlung, der alte Abraham Grünberg, brach ohnmächtig zusammen, Salomon Hirschfelds Namen war nicht genannt worden! Dieser aber stand todtenbleich und blickte vorwurfsvoll zum Himmel empor. „Mein Gott, ist das der Lohn für treue Liebe", murmelte er, „was habe ich Dir gethan, daß Du zur Strafe solches über mich verhängst!" „„Ihm selbst wahrscheinlich gar nichts,"" sagte freundlich der Amtsdiener, der mit einem versiegelten Reskripte in der Hand, hinter ihm stand, „„wohl aber dem Herrn Vorsteher!"" Sprachs und schritt mit wichtiger Amtsmiene dem Sitzungssaale zu, wo er das Schreiben dem Allgewaltigen übergab. Dieser aber erbrachs und las; doch immer tonloser wurde seine Stimme, bis sie zuletzt zu einem leisen Flüstern herabsank und als er endlich dies schreckliche Schriftstück zu Ende gelesen, sank er bleich und erschöpft auf seinen Sitz nieder und sprach mit erlöschender Stimme: „Die Familien sind aufgehoben. Heirathen kann, wer da will!" „„Heil unserm Kaiser!"" jubelte die Menge, „„Heil unserm neugewonnenen Vaterlande Oesterreich!"" Ob nun Salomon Hirschfeld seine Esther geheirathet hat? Wahrscheinlich! Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Vermag der Le Rouxschen Hofbuchhandlung. I. Eottsleben's Buchdruckerei in Main; (Mainzer Anzeiger).