Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1876)
- Date
- 1876-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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799 Gewissen und sie gedachte nicht mehr der Vision in der Kapelle. Es war am folgenden Morgen. In elegantester Morgentoilette lehnte Hermine in dem schwellenden Divan in ihrem Boidoir. Gras Arthur war an ihrer Seite, er neigte sich über sie, schaute in die großen strahlenden Augen und ließ ihre langen schweren Locken durch seine Finger gleiten. Beide schwiegen und doch empfanden Beide in gleichem Maße die unendliche Seligkeit, einander anzugehören. „Wo weilten Deine Gedanken jetzt eben?" fragte Staremberg, als eine leichte Wolke über Herminens kleine Stirn zu gleiten schien. „„£) bei Dir, Geliebter,"" erwiederte sie. Doch er schüttelte ungläubig das Haupt. Sie erröthete und senkte den Plick. „„Du hast Recht, Arthur, ich muß wahr gegen Dich sein. In diesem Augenblick war ich in Gedanken nicht hier."" „Und wo war mein holdes Weibchen denn?" „„Bei meinem Bruder,"" erwiederte sie mit bebender Stimme, „„bei meinem armen, verlassenen Bruder."" Eine. Thrüne füllte ihr Auge, Arthur küßte sie hinweg. „„Den Du um meinetwillen verlassen hast — bereuest Du es Hermine, ihn verlassen zu haben?"" Sie schlang ihre Arme in wilder Leidenschaft um seinen Hals: „Nein, nein, ich bereue gar nichts. — Und hätte ich selbst des Himmels Seligkeit durch diesen Schritt verscherzt und hätte ewige Verdammniß mir dafür erkauft, ich bereute ihn dennoch nicht." Er drückte sie fest an cheine Brust: ,,„D« sollst es auch nimmer bereuen, Geliebte, nimmer!"" erwiederte er mit einer Zuversicht, als hätte der Himmel seine Macht als Morgengabe ihm verliehen. Endlich wand sie sich aus seinen Armen. Ich muß meinem Bruder schreiben, muß ihn von Allem in Kenntniß setzen. Morgen mit dem frühesten kommt er heim — und wenn er dann die leeren Räume findet — Du versprachst, mein Schreiben durch einen sicheren Boten meinem Bruder zuzusenden. Es liegt mir sehr daran, daß mein Brief der alten Katharine noch heute zukommt, damit Leo bei seiner Ankunft ihn vorfindet." „„Schreibe Geliebte, und wenn Du es erlaubst, werde auch ich einige Zeilen an meinen Schwager hinzufügen und ich stehe Dir dafür, die Alte wird noch heute Abend das Schreiben erhalten."" * * * Es war am Abend desselben Tages, die alte Kathrine traf bereits Vorbereitungen zu dem morgigen Frühstück, zu dem sie ja ihre junge Herrschaft wieder zurückerwarkte. Es war der Alten auch recht unheimlich in den verlussenen öden Räumen und mit freudiger Ungeduld sah sie dem kommenden Tage entgegen. Eine brennende Lampe in der einen, ein Staubtuch in der andern Hand durchwanderte sie nochmals alle Zimmer, um sich zu überzeugen, daß alles in Ordnung. Da ertönte plötzlich die Hausglocke und so rasch sie es vermochte, eilte die Alt. herunter; sie dachte nicht anders, als daß vielleicht Hermine ihren Entschluß geändert und den Bruder zu Hause erwarten wolle. Doch als sie die Hausthür öffnete, stand ein fremder Mann in silberbetreßter Livree vor ihr. „Ist Herr Werner zu Hause?" „„Herr Werner ist verreist, wird jedoch morgen heimkommen."" „So haben Sie wohl die Güte, ihm gleich nach seiner Ankunft dieses Schreiben zu übergeben." Bevor die Alte noch eine Frage an ihn richten konnte, war der Mann verschwunden. Kopfschüttelnd schloß die Alte das Hausthor und trippelte die Stiegen hinan. Was war das wohl für ein sonderbarer Mann »in dem blauen Rock mit silbernen Aufschlägen? Im Leben hatte sie keinen solchm bei ihrer Herrschaft gesehen und was für eine Bewandtniß mochte es wohl mit dem Brief haben? — sie wandte ihn um und um. Schau, eine Krone auf dem Siegel, am Ende wollte gar der König mit ihrem jungen Herrn Geschäfte machen; was der für eine Freude haben würde! Vorsichtig, mit den Fingerspitzen, nahm sie den Brief und legte ihn auf Leo's Schreibtisch. Früh am Morgen, bevor der Tag noch graute, war die Alte schon wieder am Platze; sie hatte die Zimmer wohl durchwärmt, das Frühstück bereitet und horchte nun voll Ungeduld auf das Rollen der herannahenden Wagen. Endlich hielt ein Wagen am Hause und gle ch darauf ertönte die Schelle. Die Alte eilte hinunter und öffnete. Leo stand vor ihr. „Willkommen junger Herr, willkommen! ach wie wird das Fräulein sich freuen, daß Sie wieder da fii b." „„Was macht meine Schwester? sie schläft wohl noch?"" „„Ich weiß es nicht," versetzte die Alte, indem sie sich bemühte, beim Hinaufgehen mit ihm Schritt zu halten. „Sie müssen wissen, Herr Werner, das arme Fräulein hat es nicht ausgehalten, so ganz allein in diesen großen leeren Zimmern. Gleich Sonn-