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Der Israelit · 1876-08-23 · Heft 34 (23.8.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 34 (23.8.1876)
Date
1876-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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798 baren Anzug noch gehoben schien; sie selbst aber hatte heute kein Auge für ihre eigene Person. Die Mädchen hatten das Werk vollendet. „Wollen die gnädige Gräfin sich gefälligst überzeugen, ob Dero Toilette nach Wunsch ist," sagte die Eine und neigte den hohen Ankleidespiegel der bräutlich Geschmückten zu. Unwillkürlich schaute Hermine hinein und ein leises Lächeln glitt über ihr Angesicht, als sie sich selbst in diesem stolzen Anzuge sah und ihre Wangen färbten sich wieder. In diesem Moment trat Graf Staremberg in’S Zimmer, sie bemerkte sein Kommen im Spiegel und wandte sich rasch zu ihm. Ein Ausruf der Bewunderung entfuhr seinen Lippen. „Hermine wie schön'! wie göttlich schön!" und staunend betrachtete er sie mehrere Minuten. „Wenn es Dir gefällig ist, der Kaplan erwartet uns." Sie legte ihren Arm auf den seinen und beide verließen das Zimmer. Am Ende einer ziemlich langen Säulengallerie führten Marmorstufen zur Kapelle hinunter. Ein Zittern überfiel das junge Mädchen, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Schwelle einer Kirche überschritt. „Wie fühlst Du Dich, Geliebte?" fragte Staremberg besorgt. Sie strebte ihre Erregung zu bemeistern und blickte zu ihm auf: „Mir ist, als wolle des Glückes Uebermaß mich erdrücken." Sie schritten weiter direct auf den Hochaltar zu. Die Kapelle, ein kleines im gothischen Styl gehaltenes Gebäude, strahlte in Hellem Lichterglanz; doch außer dem Geistlichen, den Ministranten und zweier als Zeugen dienenden Schloßbeamten war sie leer. Herminen's Aufregung nahm von Minute zu Minute zu; nur mit Mühe hielt sie sich aufrecht; es war ihr daher eine Art Erleichterung, als der Graf sie leise bat, am Altäre niederzuknten. Nun trat der Geistliche herbei und vollzog vor Allem die Taufe. Wie glühendes Blei brannten die Tropfen des Weihwassers auf der Stirn der Convertitin, als wollten sie das Hirn ihr versengen, sie fühlte ihr Bewußtsein schwinden. Doch nun ließ Graf Staremberg an ihrer Seite auf die Knie sich nieder, schlang seinen Arm um die Bebende, sie zu stützen und der Trauungsakt begann. Die Berührung des Geliebten, das Bewußtsein, ihm nun ganz und für immer anzugehören, verscheuchte alle übrigen Gedanken und erfüllte ihr Herz mit wonnigem Entzücken. Und nun war auch dieser Akt vorüber, der Graf zog sein junges Weib mit sich empor und flüsterte Worte der Liebe und des unsäglichen Glückes in ihr Ohr. Da erscholl vom nahen Dorfe Glockengeläute, die Dorfbewohner feierten die Vermählung ihres Gutsherrn. Hermine fuhr zusammen; der Traum, der sie am Anfänge ihrer Bekanntschaft mit dem Grafen geschreckt hatte, trat plötzlich furchtbar lebhaft vor ihr inneres Auge. Ein heftiges Zittern überfiel sie, mit ihrer ganzen Schwere stützte sie sich auf des Grafen Arm, der auf's Aeußerste beunruhigt, sie dem Ausgang der Kapelle zuführte. Das Glockengeläute im Dorfe tönte fort, doch lauter und immer lauter tönte es an Herminens Ohren, es war die furchtbare Aufregung ihres Blutes. Ihrer Sinne kaum mächtig war sie eben im Begriff, die Schwelle der Kirche zu überschreiten, als sie unmittelbar vor derselben eine hohe Gestalt in Sterbegewändern gewahrte — es war ihr Vater, ihr todter Vater, der der abtrünnigen Tochter Worte des Fluches entgegenschleuderte. Ein gellender Aufschrei entfuhr ihren Lippen und ohnmächtig wäre sie zu Boden gestürzt, hätte nicht der Graf mit schützenden Armen sie umfangen. Der Geistliche und die Zeugen eilten herbei, wollten durch Besprengen mit frischem Wasser die Lebensgeister der Ohnmächtigen wieder erwecken; doch Graf Staremberg wehrte es ihnen, er hatte die Erregung der ihm neu Ängetrauten annähernd verstanden und wollte nicht, daß sie in der Kapelle erwache. „Die Gräfin ist des Weihrauch duftes ungewohnt, helfen Sie mir, sie hinauf ins Schloß tragen; dort wird sie rascher erwachen." Sie trugen sie zurück in ihr Bouidoir; doch es währte geraume Zeit, bevor Hermine das Bewußtsein wieder erlangte und Staremberg begann bereits besorgt zu werden, als sie endlich die Augen aufschlug. Mit lautem Jubelruf schloß Staremberg sie in seine Arme und bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Bläffe schwand, ihre Wangen färbten sich wieder. „Wo bin ich?" flüsterte sie, um sich blickend. „„Bei mir bist Du, Geliebte, oder vielmehr ich bin bei Dir, denn Du bist ja bereits mein Weib, mein geliebtes, angebetetes Weib. — Ich hoffe, Frau Gräfin, Sie werden sich in Ihrem Schlosse bald heimisch fühlen." Stunden verstrichen iu traulichem Kosen und weit rascher, als der Graf zu hoffen gewagt, hatte Hermine ihre gewohnte Unbefangenheit und das Gefühl ihres unsäglichen Glückes wieder gefunden. Denn sie liebte ihn ja, liebte ihn treu und innig mit aller Gluth ihres heißblüthigen Herzens. Schaute sie in sein Auge, empfand sie auch nur den Druck seiner Hand, so schwieg ihr

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