Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1876)
- Date
- 1876-08-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447677--12844-2468686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
800 tag Mittag ist sie zu ihrer Frrundin Auguste Meier gefahren und hat gesagt, daß sie dort bleiben will, bis Sie zurückkommen. Es war doch das Beste, was sie thun konnte, nicht wahr?" „„Gewiß das Beste,"" stimmte Leo bei und er dachte, was er sagte; trotzdem berührte es ihn unangenehm, daß er seine Schwester nicht gleich treffen sollte. Eine ihm selbst unerklärliche Angst überfühl ihn mit einemmal, obgleich er sich selbst wiederholte, daß Hermine in der That nichts Besseres hätte thun können. Die Alte schaute enttäuscht darein, sie hatte Lob erwartet, daß sie ihrer jungen Herrin beigestimmt und nun schien es dem Herrn durchaus nicht recht. Schüchtern fragte sie, ob sie das Frühstück bringen solle. Leo verneinte, er wollte auf seine Schwester warten und ersuchte die alte Dieuerin, sich schleunigst zu Herminen zu begeben und ihr seine Heimkunft zu melden. „Nehmen Sie sich einen Wagen", fügte er hinzu, „der Weg ist weit und ich vergehe vor Ungeduld, bis ich meine Schwester hier habe." Katharine entfernte sich eiligst; doch kaum hatte sie das Haus verlassen, so reute es ihn, sie fortgeschickt zu haben; warum war er nicht selbst gegangen? er hätte den Weg weit rascher zurückgelegt und nun mußte er warten. Unmuthig schritt er im Zimmer auf und nieder. Die Zeit war ihm entsetzlich lang; er berechnete mit der Uhr in der Hand, wie lange er noch werde warten müssen, bis Hermine aus dem ziemlich entlegenen Stadttheil, in dem Meiers Wohnung sich befand, eintreffen könne, als er auf dem Secretair ein an ihn gerichtetes Schreiben gewahrte. Weniger um den Inhalt desselben 'zu kennen, als um sich wo möglich die Zeit zu verkürzen, erbrach er das Siegel und las: „Leo, mein theurer geliebter Bruder! Vorgestern, am letzten Tage unseres Beisammenseins versprachst Du mir, nie, unter keinen Verhältnissen an meiner Liebe zu Dir zweifeln zu wollen. — Freilich dachtest Du nicht, wie bald ich Dich an dieses Versprechen mahnen würde und doch muß ich es heute schon. Leo, ich liebe Dich treu und innig, so innig, wie nur je eine Schwester den Bruder geliebt — aber es giebt noch eine andere Liebe, sie ist nicht selbstlos wie Geschwister-- liebe, im Gegentheil, sie ist verlangend, heiß begehrend. Wer sie empfindet, der opfert ihr Alles. — Auch Du wirst sie einst kennen lernen und wirst dann meinen Schrill milder beurtheilen. Vorläufig kann ich nur zu Dir flehen, ihn mir zu verzeihen. Verzeihe mir, Leo, den Schmerz, den ich Dir bereite, verzeihe ihn mir! ich empfinde ihn mit Dir und doch bin ich nicht im Stande, ihn Dir zu ersparen. Denn ich liebe, Leo, ich liebe den besten, den edelsten der Menschen und werde von ihm wieder geliebt — ohne ihn vermöchte ich das Leben nicht zu ertragen und darum bin ich sein geworden. Gestern hat der Priester am Altäre unfern Bund gesegnet, seit gestern bin ich Gräfin Staremberg. Daß ich bei diesem Schritt dem Glauben unserer Väter entsagen mußte — lieber theurer Leo, ich weiß, es schmerzt Dich unsäglich — doch gedenke des Wortes jenes großen Monarchen und zürne mir nicht, daß ich nach meiner eigenen Eayon selig werden wollte. — Und ich bin es geworden; die Seligkeit, die ich an Arthurs Seite empfinde, im Himmel sucht man sie vergebens. Drum verzeihe mir, Leo! nochmals flehe ich Dich darum an. Du sagtest so oft, daß Du nur für mich, für mein Glück leben wolltest. Nun siehe, ich bin so glücklich, so unaussprechlich glücklich — der einzige Schatten, der mein Glück verdunkeln könnte, ist die Furcht vor Deinem Zorne. Schreibe mir, Leo, daß Du mir verzeihest, und Du hast Dein Versprechen erfüllt, hast meinem Glück die höchste Vollkommenheit verliehen. Dein liebes Schreiben, das ich sehnsuchtsvoll erwarte, bitte ich nach Nizza Hotel de l’Europe zu adressiren; denn wenn Du diese Zeilen erhältst, sind wir auf dem Wege dorthin. Den Sommer werden wir auf Schloß Staremberg verbringen. Hoffentlich schenkst Du uns dort die Freude Deines Besuches. Und nun Adieu inein lieber theurer Bruder! Es grüßt und küßt Dich herzinniglich Deine treue Schwester Hermine." Unter diesen Zeilen befand sich eine außerordentliche freundliche Einladung des Grafen Staremberg an seinen Schwager. Schon nach den ersten Zeilen, die Leo gelesen, bedeckte erdfahle Blässe sein Angesicht, ein heftiges Zittern überfiel ihn, vergebens bemühte er sich, weiter zu lesen; er vermochte es nicht, es war Nacht vor seinen Augen. Endlich mit Aufbietung aller seiner Willensstärke ward er Herr dieser Schwäche und las weiter. Ein wilder unartikulirter Schrei entrang sich seiner Brust — war es denn wahr? — konnte es wahr sein? — Hermine, feine Schwester, sollte dem Glauben ihrer Väter abtrünnig geworden, sollte einem Nichtjuden sich verbunden haben? —