Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1876)
- Date
- 1876-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447677--12836-2468678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
792 Ichen Uebung einberufen und dadurH am Erscheinen gehindert war, des Localschulinspectors und des Amtmanns Hierselbst waren beglückwünschende Schreiben, zum Theil von Geschenken begleitet, eingelaufen. Nachmittags gegen 4 Uhr wurde Herr Cramer vom Comite abgeholt und zum Garten des Gastwirths H. geleitet, woselbst ein Concert, ausgeführt von der Bielefelder Musikkapelle. seinen Anfang nahm. Nach dem Concerte, mit dem Eintritt der Dunkelheit, ward der Garten durch Lampions, Feuerwerk ic. aufs sinnigste illuminirt, und während Gebüsche, Lauben und Gesträuche in buntester Farbenpracht, gehoben durch die tiefe Bläue des ausgesternten Himmels, strahlten, begann unter den Klängen des Orchesters die Polonaise, welche sich in den vielfachsten Verschlingungen durch die Alleen und Laubgänge des Gartens bewegte. Die außerordentlich milde, im Gegensatz zur drückenden Schwüle des Tages, so wohlthuend kühle Luft, gestattete es der zahlreichen Gesellschaft, während des Abends und der Nacht im Garten zu verweilen. Wir erwähnen noch, daß die im Laufe des Nachmittags und des Abends zahlreich ausgebrachten Toaste mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurden, und daß das ganze Fest, das fast, abgesehen von einer Störung, die von ernsten Folgen hätte sein können, in der gemüthlichsten und anmuthigsten Weise verlief. Jene Störung bestand darin, daß, als spät am Abend die Gesellschaft gruppenweise im Garten saß, plötzlich mehrere schwere, von außen in denselben geschleuderte Steine in der Nähe eines zahlreich besetzten Tisches niederfielen, glücklicherweise ohne Jemanden zu verletzen. Die Vermuthung liegt leider gar zu nahe, daß wir es hier wieder einmal mit einer Rohheit zu thun haben, wie sie die bei uns nachgerade landesüblich gewordenen Judenhutzen von Zeit zu Zeit zu Tage fördern. Indessen war dieser Mißaccord doch nicht im Stande, die harmonischen Eindrücke, welche das Fest bei allen Teilnehmern hervorgebracht, im geringsten zu beeinträchtigen. Stuttgart. Der hier wohnhafte Herr Partikulier H. B. Goldschmidt hat der israel. Waisenanstalt „Wilhelmspflege" zu Eßlingen in hochherzigem Edelsinn eine Stiftung von 18,000 Mk. als Schenkung zugewendet und dabei bestimmt, daß dieselbe theils zur Deckung der Kosten dienen möge, wenn die Anstalt von Eßlingen nach einem andern Orte verlegt werden müßte, theils um den Zöglingen einen höheren Unterricht ertheilen zu lassen, und theils um bei dem bestehenden Mangel an jüdischen Krankenwärterinnen solchen Israelitinnen des Landes, die sich diesem Dienste zu widmem den Beruf in sich fühlen und eine tüchtige Vorschule durchzumachen bereit sind, während ihrer Ausbildung zu Krankenpflegerinnen in einem Spitale eine entsprechende Unterstützung zu gewähren. Die Gesuche sind an den Ausschuß der Anstalt alljährlich zu richten und mit Zeugnissen zu belegen. Weitere Schenkungen zu demselben Zwecke werden angenommen. Abschriften des Statuts sind allen Gemeinden zugeftellt worden. □ Frankfurt a. M., im Juli. Auf der Jahresversammlung der englischen Gesellschaft zur Erforschung Palästinas, welche Ende Juni in London tagte, machte der Vorsitzende die Mittheilung, daß dieHerausgabe einer aus 25 Blättern bestehende Karte des gelobten Landes in Verbreitung sei. Der noch zu beendende Theil sei Galiläa und ein kleiner Theil des südlichen Palästinas. Jedes der 25 Blätter wird von einer Erklärung begleitet. Diese zerfällt in einen topographischen, archäologischen, ethnologischen und geologischen Theil, sowie in ein Namensregister und eine Vergleichung der gegenwärtigen Ortsbezeichnungen mit den in der Bibel angewandten. Die Einnahme des Vereins für das verflossene Jahr beträgt nicht weniger als 4464 Pfd. St. 19 Sch. 6 P. (mehr als 89,329 Mark). □ Frankfurt a. M., 15. August. Wir hatten bereits mehrfach Gelegenheit, unsere Religionsgenossen und Freunde vor einem „illustrirten Blatte" zu warnen, das beharrlich und unausgesetzt darauf ausgeht, Juden und Judenthum aus keinem andern Grunde verächtlich zu machen, als aus Religionshaß. So enthalten mehrere der jüngsten Nummern der „Allgemeinen Familienzeitung" (Redaction, Druck und Verlag von Hermann Schönlein in Stuttgart) neuerdings eine Erzählung: „Des Goldes Fluch," Roman von M. Betzold, eine Summe albernen Geschwätzes, boshafter Handlungen, lächerlicher Phrasen, die allesammt und sonders ausschließlich dem „Juden" in den Mund gelegt, zugemuthet und zugeschrieben werden. Wenn wir eS mit einem Blatte zu thun haben, das den Judenhaß auf seine Fahne geschrieben hat, so wissen wir Solchem offen und ehrlich entgegenzutreten. Wenn wir aber ein Preßproduct, von dem man mit Recht erwarten möchte, daß es Bildung, Freisinnigkeit und Toleranz verbreite, vor uns haben und es begegnet uns in demselben Blatte eine Fülle von abgeschmackter Verleumdung, so dürfte es gerathen sein, eine solche „AllgemeineJllustrirte Familien-Zeitung" öffentlich zu charakterisiren.