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Der Israelit · 1876-08-09 · Heft 32 (9.8.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 32 (9.8.1876)
Date
1876-08-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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752 derbar süß harmonische Töne, bald wie Nachtigallengesang, bald wie leises Liebeskosen zogen leise bebend durchs Gemach — doch mit einem Mal tönte es hellauf jauchzend, jubelnd, schmetternd, dröhnend — jetzt wonnetrunken im höchsten Glück und dann plötzlich rauschend in wild bachantischer Lust. - Leo war leichenblaß geworden; ein unaussprechliches Weh durchzuckte sein Herz; es war ihm, als vernähme er die letzten Worte seines Vaters, und mit einem Mal begriff er die unsägliche Angst des Sterbenden. Mit heiligem Schwur gelobte er sich, die Schwester zu schützen und zu schirmen, wie seinen Augapfel; doch er war überzeugt, daß sie in ihrer augenblicklichen Stimmung unnahbar war, und schmerzerfüllten Herzens entfernte er sich. Auch in den folgenden Tagen bemühte er sich vergebens, das frühere trauliche Verhältniß wieder herzustellen. Scheu wich Hermine seinen freundlichen Annäherungen aus, beantwortete seine Fragen in einsilbiger Kürze und ließ sich trotz seiner dringenden Bitten zu keiner Erklärung ihres seltsamen Benehmens bewegen. So verstrich die Woche und der Sabbat war herangekommen. Am darauffolgenden Tage, am Sonntag, mußte Leo verreisen. Er entfernte sich ungern, doch seine Entfernung war unerläßlich; für drei Tage mußte er die Schwester verlassen. Und eben für diesen Sonntag hatte Hermine ihre Flucht mit dem Geliebten verabredet. Verlassen wollte sie Heimath und Glauben, um ihm, den sie über Alles liebte, für immer anzugehören. Laut pochte ihr Herz, wenn sie des Glückes gedachte, das der kommende Tag ihr bringen sollte — doch wenn sie dann auf den Bruder schaute, der sie so innig liebte, und den sie doch heimlich verlassen wollte — schon jetzt klagten seine bleichen abgehärmten Wangen der Lieblosigkeit sie an — er hatte geschworen, nur für sie,' nur für ihr Glück zu leben, und sie war im Begriff, ihm zu entfliehen. — Ähr Entschluß war nicht wankend geworden, doch ihr Herz war weich geworden und ihre Augen füllten sich mit Lhränen. Es war der letzte Sabbat, den sie als Sabbat — es war der letzte Tag, den sie an des Bruders Seite verleben wollte. Leo erkannte an ihren milden, feuchten Blicken, daß ihre Stimmung sich abermals geändert; er suchte diese Aenderung zu nützen und, ohne ihrer bisherigen Unfreundlichkeit zu erwählen, forderte er sie zu einem Spaziergange auf. Es war ein sonnig heiterer Tag; unwillkürlich schaute sie hinauf zu dem klaren, blauen Himmel. Gern hätte sie der Aufforderung des Bruders entsprochen, seit dem Tode der Eltern hatte sie das Haus nicht verlassen und sehnte sich daher nach frischer Luft. Doch eine seltsame Scheu hielt sie zurück. Sie trat zu dem Bruder, legte schmeichelnd ihre Hand aufseine Schulter und schaute mit ihren seelenvollen Augen zu ihm auf. „Lieber, lieber Leo, — Du bist so gut, so unendlich gut — ich war diese ganze Zeit so unfreundlich gegen Dich, und Du hast Dein freundliches Benehmen gegen mich doch nie geändert — zürnst Du mir denn in Wirklichkeit nicht?" „„Wie könnte ich Dir zörnen?"" versetzte er innig, „ ..bist Du doch meine einzige Schwester, das einzige Wesen, das ich liebe, und für das ich lebe. Deine Unfreundlichkeit schmerzt mich, weil ich daran erkenne, daß Du Dich so sehr, so sehr unglücklich fühlst, zürnen kann ich Dir deßhalb jedoch nicht."" „O, so viel Liebe verdiene ich nicht," versetzte sie mit bebender Stimme, „aber ich erwidere sie mit ganzem Herzen. Ich schwöre Dir, Leo, trotz meiner scheinbaren Lieblosigkeit habe ich doch keinen Moment aufgehört, Dich zu lieben." „„Ich habe auch keinen Augenblick an Deiner schwesterlichen Liebe gezweifelt"" erwiderteerund drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Und wirst Du auch nie daran zweifeln? — auch nicht, wenn ich mich noch unfreundlicher, noch liebloser gegen Dich zeigen würde?" „„Ich hoffe,"" versetzte er mit leisem Lächeln, „„daß Du mich nicht in diese Versuchung führen wirst."" „Hoffe das nicht," rief sie lebhaft, „o, ich weiß, ich werde Dir noch weit unfreundlicher, weit liebloser erscheinen; aber nie, nie werde ich aufhören, Dich innig und aufrichtig zu lieben." Sie schlang ihre Arme um ihn und preßte ihn stürmisch an ihre Brust. „Schwöre mir, Leo, daß Du nie, nie an meiner Liebe zweifeln wirst." „„Du bist ein sonderbares Kind,"" erwiderte er kopfschüttelnd, „„warum sollte ich denn an meiner Schwester Liebe zweifeln?"" Sie erröthete, sie fühlte, daß sie im Begriff gewesen war, seine Aufmerksamkeit zu sehr zu erregen und rasch einlenkend entgegnete sie: „Ich bin sehr, sehr unfreundlich gegen Dich gewesen; doch ich verspreche Dir, es nie wieder zu sein. Willst Du mir verzeihen?" „„Laß uns nicht weiter davon reden, wer gedenkt wohl der Regentage, wenn die Sonne so freundlich lacht. Nun, wie ist's, wollen wir hinaus in's Freie?"" „Wenn Dir nicht sehr daran gelegen ist, auszugehen, so würde ich vorziehen, zu Hause zu bleiben. Auf allen Spaziergängen treffen wir heute sicherlich Bekannte und ich möchte am liebsten mit

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