Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1876)
- Date
- 1876-08-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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751 Feuilleton. Prosktytru. Von Friedrich Rott. XU. Ihr Bruder befand sich im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, Herr Meier hatte ihn bereits verlassen. lieber einige Geschäftsbücher gebeugt, im Rechnen vertieft, schien er ihr Kommen nicht zu bemerken. Sie warf sich in ein Fauteuil und griff nach einem Buche. Doch die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, sie war nicht im Stande, ein Wort zu lesen. Plötzlich sprang sie auf, trat zu dem seit Wochen geschlossenen Flügel, öffnete ihn und ein voller Akkord brauste durch's Zimmer. Leo fuhr erschrocken in die Höhe. „Hermine!" schrie er. Sie fuhr fort zu spielen, wendete jedoch den Kopf zu ihm und fragte mit freundlichem Lächeln: „wPlait-il?tt“ Er eilte auf sie zu und legte sanft aber fest seine Hände auf die ihren. „Was willst Du?" fragte sie lachend, „warum störst Du mein Spiel?" Seine Lippen bebten, mächtig hob sich seine Brust. „„Wir sind in Trauer,"" sagte er leise, „„weißt Du nicht, daß jüdische Sitte dem Trauernden Musik nicht gestattet?"" „Jüdische Sitte?" wiederholte sie spöttelnd, „sage lieber jüdische Unsitte. Doch ich bin nicht gewillt, mich um diese zu kümmern, habe die Güte, meine Hände frei zu geben." Doch er hielt sie noch immer. „„Hermine, um Gotteswillen, was ist mit Dir vorgegangen? wie bist Du mit einem Mal so ganz und gar verändert? — bisher kannte Deine Trauer keine Grenzen und nun mit einem Mal —"" „Es ist wahrfiel sie ein, „ich habe unsere Eltern tief und innig betrauert, denn innig und aufrichtig habe ich sie geliebt. Doch seit ich weiß, daß ich ihre Liebe nie besessen —" „„Um des Himmclswillen! was ficht Dich an? wie kannst Du so reden?"" „Ich habe doch gehört, daß auch Herr Meier darüber staunt, daß es auch ihn befremdet, daß Du Universalerbe bist — und ich enterbt —" Sie war bei diesen Worten leichenblaß geworden, in ihrem Antlitz zuckte es. „Armes Kind," sagte Leo, sie an sich ziehend, „das hast Du gehört und das hat Dich so außer Rand und Band gebracht; jetzt verstehe ich's. Aber ich schwöre Dir," fuhr er nach einigen Augenblicken Nachdenkens fort, „daß ich zwar den Zweck dieser Bestimmung unseres theuren seligen Vaters nicht verstehe; daß ich aber die feste Ueberzeugung habe, daß sie aus Mangel an Liebe nicht entstand. Denn mit seinem letzten Athemzug nahm er mir das Gelöbniß ab, für Dich zu sorgen, Dich zu schützen." „„Was sagte er?"" fragte Hermine leise. „Schütze Deine Schwester — vor sich selbst." Sie fuhr zusammen und brach dann plötzlich in ein lautes, unnatürliches Lachen aus. „„Das ist wirklich allerliebst; vor mir selbst sollst Du mich schützen! — eine schwere Aufgabe in der That — und, ich fürchte, keine dankbare."" Sie hatte sich erhoben und stand hoch aufgerichtet ihm gegenüber; forschend ruhte sein ^uge auf ihr. Ihre hohe königliche Gestalt überragte seine etwas zartere; die leidenschaftliche Gluth ihrer großen dunkeln Augen contrastirte seltsam mit seinem milden Forscherblick und ließ im Momente der Erregung die sonst auffallende Aehnlichkeit der Geschwister vollständig verschwinden. „Hermine," begann er nach einigen Minuten beiderseitigen Schweigens, „ich mache Dich aufmerksam, daß der letzten Willensäußerung unseres seligen Vaters keinerlei Rechtskraft zusteht; wollen Eltern ihre Kinder enterben, so sind sie verpsiichtet, denselben einen sogen. Pflichttheil auszusetzen; ist das unterblieben, so treten die Kinder in ihre natürlichen Rechte und hat das Testament keine Giltigkeit. Es könnte im vorliegenden Falle nur vielleicht insofern vom Gericht berücksichtigt werden, als ich auch vom Gericht zu Deinem Vormund ernannt würde; doch wir erben jedenfalls gemeinschaftlich, also —" „„Also ist Alles gut,"" rief sie höhnisch, von Neuem in ein lautes, unangenehmes Lachen ausbrechend. „Hermine, ich beschwöre Dich —" Doch sie achtete nicht auf ihn, wandte sich zum Flügel und ließ ihre Finger präludirend darüber gleiten — nochmals bat er sie, ihm zu Liebe die jüdische Sitte nicht zu verletzen; doch sie zuckte mit den Achseln und spielte weiter. Es war ein seltsam wildes Spiel; unwillkürlich, wie gebannt, blieb Leo, im Begriff, das Zimmer zu verlassen, lauschend stehen. Wie grollend, höhnend, rauschten die mächtigen Akkorde durch das verödete Trauerhaus. Der langverhaltene Kampf ihrer Seele, alle die mannigfach einander widersprechenden Gefühle, die seit Wochen ihr Herz bald zerrissen, bald mit Seligkeit erfüllt, alle diese Gefühle vereint, tobten trotzend in den düstern Klängen. Doch allmählich, ganz allmählich, in meisterhaftem Uebergang verhallte der Zorn — und wun-