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Der Israelit · 1876-08-02 · Heft 31 (2.8.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 31 (2.8.1876)
Date
1876-08-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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728 schäfte, als sie plötzlich ihren Namen nennen hörte. Unwillkürlich lauschte sie. „Es ist doch seltsam," hörte sie Herrn Meier uer sagen, „in der That seltsam, daß Sie zum Universalerben ernannt sind und Ihre Schwester demnach geradezu enterbt ist." Leo's Antwort vernahm sie nicht. In furchtbarer Erregung stürzte sie hinaus, als würde es ihr zu eng in dem geräumigen Zimmer, hinunter in den Garten, dessen winterlich öde Gänge sie in wilder Hast durchrannte. Also enterbt! enterbt war sie von dem Vater, an dessen Liebe sie so fest geglaubt! — dessen Tod sie mit so heißen Thränen beweint — Alle ihre Gewissensbisse waren plötz'ich verstummt, vergessen ihre letzte Unterredung mit ihrem Vater am Abend vor dessen Erkrankung — sie betrachtete sich mit einem Mal als die Verkannte, die unschuldig so schwer Gekränkte und siedend heiß tobte das Blut in ihren Adern. Es war nicht Habsucht, die diese Gefühle in ihr wach rief, denn von Leo's brüderlicher Liebe war sie eben so fest überzeugt, wie von seine schrankenlosen Großmuth, aber ihr Stolz bäumte sich in ihr. Enterbt! — enterbt! — Es war ihr, als ob alle Welt hohnlachend auf sie schaute, von allen Seiten her tönte das entsetzliche Wort ihr entgegen, selbst die laublosen Bäume des Gartens schienen es ihr zuzurufen — sie schlug beide Hände vor's Gesicht und weinte laut. Da fühlte sie sich plötzlich von zwei Armen umschlungen, ein Schreckensruf entfuhr ihren Lippen; doch als sie sich umwandte, jauchzte sie laut auf und sank in Graf Starembergs Arme. „Hermine! theures, geliebtes Mädchen, Du bist unglücklich, Du weinst?" „Neiu, nein, ich weine nicht mehr, Du bist ja bei mir — o, nun ist alles gut!" Schon seit mehreren Abenden hatte der Graf, den nur die Rücksicht auf ihre Trauer bisher zurückgehalten hatte, offen um sie zu werben, den Werner'schen Garten, der das Haus von drei Seiten umschloß, besucht. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn in die Nähe des geliebten Mädchens, und da Zartgefühl ihm noch verbot, ihre Wohnung zu betreten, so pflegte er, so bald der Abend nahte, die Straße, in der diese lag, aufzusuchen, um zu den Fenstern aufzuschauen und in dem Schatten, der sich hin und wieder an denselben zeigte, die Gestalt der Geliebten zu entdecken. Bei dieser Gelegenheit hatte er eine Lücke in der Gartenmauer bemerkt, war durch dieselbe eingetreten und seitdem waren die öden Gänge des Gartens allabendlich oft mehr alseine Stunde lang sein Lieblingsaufenthalt gewesen. Daß er aber sie hier treffen würde, das hatte er uicht zu hoffen gewagt. Sie waren so selig Eins in des Andern Nähe, daß Minuten vergingen, bevor sie Worte fanden, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. „Komm," flüsterte er endlich und zog sie aus dem Schatten des Baumes, an dem sie lehnte, an eine freie vom Mondlicht hellerleuchtete Stelle, „laß mich Dich anschauen; es ist so lange, seit ich Dein holdes Antlitz nicht gesehen." Mit glücklichem Lächeln blickte sie zu ihm auf; er zog sie fester an seine Brust. „Ist es das bleiche Mondlicht, das Dich so ätherisch heute.erscheinen läßt oder ist es etwas anderes? — sage mir Kind, warum traf, ich Dich in Thränen und was verschaffte mir das unschätzbare aber doch ganz unverhoffte Glück, Dich hier und zu dieser Stunde hier zu treffen?" Hermine zögerte mit der Antwort, doch er drang in sie, und so theilte sie ihm endlich niedergeschlagenen Blickes die Ursache ihrer Thränen mit. Graf Staremberg brach in ein lautes, herzliches Lachen aus. „Und deßhalb konntest Du weinen? — deßhalb? — meintest Du, ich wäre zu arm, um des Vaters Erbe Dir zu ersetzen?" Sie richtetete sich in seinen Armen auf und schaute ihn ernst an. „Du glaubst, es wäre der Verlust des Geldes, den ich beklage, ach, um den hätte ich nimmer geweint — aber ich habe immer geglaubt, daß ich meines Vaters Liebe mit meinem Bruder nur getheilt — doch daß ich sie nimmer besessen, das — das — ihre Lippen bebten, sie vermochte nicht weiter zu sprechen. Der Graf drückte einen innigen Kuß auf ihr erglühendes Antlitz. „Wenn es Dich nicht so sehr betrübte, so würde es mein Glück noch erhöhen, daß Du jetzt ohne Vermögen bist und Niemanden hast, der Dich liebt, daß daher ich Dir Alles geben kann. Komm, Geliebte, um meinetwillen sei glücklich. Ach wenn Du wüßtest, wie glücklich es mich macht, Dir Alles zu geben." Und er erzählte ihr von seinen Reichthümern, von seinen Besitzungen, die sie nun mit ihm theilen würde, schilderte ihr die Pracht seiner Schlösser und sie lauschte, vor Wonne bebend, seinen Worten und vergaß gar bald ihres frühern Unmuths. „Um Deinetwillen," sagte sie, „will ich mich meiner Armuth freuen und will gern und freudig Alles nur Dir und Deiner Liebe danken." Sie überlegten nun, in welcher Weife sie ihre Vereinigung am raschesten bewerkstelligen könnten. Graf Staremberg war der Meinung, gleich am folgenden Tage bei ihrem brüderlichen Vormund

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