Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1876)
- Date
- 1876-08-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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727 Feuilleton. Prostlytku. Von Friedrich Rott. XI. Während der Arzt um den Kranken bemüht war, trug Leo die noch immer bewußtlose Schwester in ihr Zimmer. Er hatte keine Ahnung von den Gewissensbissen, die ihr Herz zerfleischten, sah in dem Ausbruch ihrer Verzweiflung nur den Ausbruch der innigsten Kindesliebe und trotz des eigenen Schmerzes empfand er das tiefste Mitgefühl mit dem bleichen schönen Mädchen, das er in seinen Armen hielt. Vorsichtig legte er sie auf's Bett nieder und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn, machte jedoch keinen Versuch, sie zu erwecken. — Die Wirklichkeit war ja so entsetzlich, weit entsetzlicher noch als sie ahnte; denn auch die Mutter, die so lange gegen die herannahende Krankheit gekämpft hatte, war kurz nach der auch für sie so sehr aufregenden Ankunft des Sohnes in einen Zustand von Bewußtlosigkeit gefallen, den der Arzt für den Beginn des Typhus erklärte. Armer junger Mann — vor kaum drei Monaten hatte er die Feiertage im Hause der Eltern verbracht und hatte alle frisch und km besten Wohlsein verlassen und nun — er preßte die Hand an die Stirn, er wollte nicht denken — Hastig eilte er zurück an des Vaters Bett. Es war dem Arzt gelungen, durch stark aufregende Mittel den Kranken wieder zu erwecken; als der Sohn wieder in's Zimmer trat, begegnete er dem ängstlich fragenden Blick des Vaters. Er glaubte ihn zu verstehen. „Mutter und Hermine schlafen," sagte er beruhigend, „sie waren beide erschöpft und habe ich ihnen zugeredet, sich zeitiger zu Ruhe zu begeben." Der Kranke nickte unmerklich mit dem Haupte; gleichzeitig bewegte er die Lippen und schien mit Anstrengung, doch vergeblich, nach Worten zu ringen. „Willst Du zu schreiben versuchen, lieber Vater?" fragte Leo. Der Kranke nickte bejahend. Der Sohn und der Wärter richteten ihn vorsichtig in den Kissen ein wenig empor, während der Arzt ein aufgeschlageneS Portefeuille vor ihn hielt, seinen Arm stützte und einen Bleistift in die zuckenden Finger legte. Ein dankbarer Blick des Kranken lohnte diese Bemühung, und langsam und mit unendlicher Anstrengung, zuweilen mit dem Bleistifte ausgleitend, aber in leserlicher Schrift, schrieb er: „Ich bestimme meinen Sohn Leo zu meinem Universalerben und zum Vormund meiner Tochter. Werner."' Aufmerksam war der Arzt den Bewegungen des Schreibstifts gefolgt. „Wünschen Sie, daß wir als Zeugen diese Schrift unterzeichnen?" fragte er. Ein dankend bejahender Blick war die Antwort, und nachdem der Kranke vorsichtig wieder in die Lage gebracht war, fügten Arzt und der Wärter ihre Namensunterschrrft s iner letzten Willensäußerung als Zeugen hinzu. Leo's thränenumflorter Blick hing an den bleichen zuckenden Lippen des Kranken, der wiederum nach Worten zu ringen schien. „Schütze deine Schwester — vor sich selbst," stammelte er endlich. „Ich gelobe es," flüsterte Leo. Doch der Vater vernahm ihn nicht nicht mehr. Seine Augen hatten sich wieder geschlossen, wenige Minuten darauf begann der Todeskampf. Theilnehmende Freunde entfernten den Sohn aus dem Sterbezimmer, während die Mitglieder der Beerdigungsbrüderschaft sich darin sammelten. Als der Morgen graute, hatte Werner ausgelitten. Seine Gattin erfuhr nichts von seinem Ableben, sie erlangte das Bewußtsein nicht wieder. Als die sieben Trauertage um den Tod des Vaters vorüber, geleiteten die Geschwister die irdischen Ueberreste ihrer Mutter zu ihrer letzten Ruhestätte. Der Schmerz der Verwaisten war grenzenlos. — Doch Hermine, ihrem ganzen Naturell nach leidenschaftlicher als ihr Bruder, nicht wie er, erfüllt von innigem Gottvertrauen, zudem gefoltert von den sie bestürmenden Anklagen ihres Gewissens, litt in den ersten Tagen unstreitig mehr als Leo — und als di"ser den wahrhaft tobenden Ausbruch ihres Schmerzes gewahrte, wähnte er die letzten Worte seines Vaters vollkommen zu verstehen und umgab die Schwester mit aller erdenklichen Fürsorge seiner brüderlichen Liebe. Seine aufopfernde Hingebung schien nicht vergeblich; Herminens Verzweiflung schien allmählich sich zu mildern. — Es war gegen Abend. Dämmerung war bereits hereingebrochen. Leo saß an der Schwester Seite und strebte, durch milden, freundlichen Zuspruch ihren niedergebeugten Geist wieder aufzurichten, als ein Bekannter in's Zimmer trat und ihn in einer Geschäftsangelegenheit zu sprechen wünschte, es war Herr Meier. Der junge Werner führte ihn in's anstoßende Zimmer, die VerbindungSthüre blieb geöffnet. Hermine achtete nicht auf das Gespräch da drinnen; anfangs drehte es sich auch ausschließlich um Ge-