Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1876)
- Date
- 1876-08-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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720 men. Nur muß man dabei nicht blos Theile eines Satzes Herausreißen, wie dies die Evangelien thun, sondern die ganze Stelle citiren. Man erwartete, daß der Messias aus dem Stamme Judas sein und in Bethlehem geboren werden müsse. Allein die Juden wußten nicht und konnten luch nicht wissen, daß er diese zwei Bedingungen erfüllen wollte. Denn der Stifter der neuen Lehre selbst hatte dieselben niemals von sich behauptet, auch scheint es nicht, daß seine Jünger während seiner Lebzeiten jemals darauf angespielt hätten. Sie sprachen von ihm, er selbst sprach von sich und das Volk sprach von ihm als dem Stifter der neuen Lehre von Nazareth. Noch weniger behauptete er von dem Stamme Davids zu kommen. Nach der Erzählung des Jüngers Philipp sprach dieser selbst von dem Stifter der neuen Lehre als dem Sohne Josephs aus Nazareth, Also beide Bedingungen waren nicht erfüllt. Allein was sollte man zu dem Benehmen von dem Stifter der neuen Lehre selbst in diesen Punkten sagen? Wenn er wirklich ein Abkömmling Davids in Bethlehem g-boren war und nur irrthümlich für einen Nazarener gehalten wurde, könnte man ihn denn von einer böswilligen Absicht gegenüber den Juden freisprechen, indem er ihnen diese Thatsachen nicht bekannt gab? Gewiß nicht, meint Lord Amberley. Lord Amberley geht weiter in die Prophezeiung bezüglich der Virginität Mariens ein, in die wir hier nicht folgen können, ferner wie alle weiteren Prophezeihungen theils entstellt, theils gar nicht erfüllt werden konnten. Was die Wunder betrifft, so wurden dieselben von den Juden nicht als Beweis der messianischen Sendung angesehen. Ihre eigenen Propheten hatten viel größere Wunder vollbracht, ebenso auch die egyptischen Priester. Was nun die Lehren und den Charakter be^ trifft, so hatten t tc Juden hinlänglich Grund ihn zu verurtheilen. Die Heiligung des Sabbath gilt als eine der wichtigsten Lehre Mosis; der Stifter der neuen Lehre bl ach dieses Gebot mit Ostentalion und häufig, und wir in England, bemerkt Lord Amberley. müssen uns gewiß nicht wundern, wenn eine solche absichtliche Entweihung des Sabbath ihm verübelt wurde. Was würde man hier von einem Manne sagen, der am Sonntage Cricket spielte, und sich zum Moralprediger aufwerfen wollte? Eine weitere Eigenthümlichkeit, sein Verkehren mit „Zöllnern und Sündern", konnte ihn auch nicht in ^en Augen der Kirchenvorftpher hervorheben. Auch in diesem Punkte begreift Lord Amberley nicht, daß man den Pharisäern schlechte Motive unterschieben müsse, da in England auch ein Umgang mit solchen Personen von den ,,church going“ Leuten als sehr tadelnswerth angesehen werden würde. Auch die Gewohnheit, mit „ungewaschenen Händen" zu essen und zwar wie er sagte, weil er keine Ehrfurcht für die Tradition der Vorfahren besitze, mußte die religiösen Gesinnungen der Juden sehr verletzen. Dann die Art und Weise, in welcher er die Fragen der Schriftgelehrten beantwortete, mußte gewiß dazu beitragen) das Vorurtheil gegen ihn zu vergrößern. Die Apostel freilich sagen, jene suchten ihn zu „versuchen"; allein die Juden waren offenbar berechtigt, einen Mann, der so enorme Prätentionen machte, bezüglich seiner religiösen Ansichten zu befragen, und nirgends findet sich die Spur'einer absichtlich arglistigen Frage. Wären die Pharisäer wirklich fo schlecht gewesen, wie er in der ungezügelsten Sprache sie darstellt und beschimpft, so hätten sie seine Laufbahn gewiß früher abgeschnitten. Es scheint im Gegentheile, daß sie lange mit großer Geduld sich seine Schmähungen gefallen ließen. Ja Lord Amberley glaubt, hätte er sich blos auf Worte beschränkt, so wäre ihm überhaupt kein Leid widerfahren. Gewöhnliche Klugheit würde ihn geschützt haben. Allein die Gewaltthätigkeit der Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel und seine Sprache, in weicherer alle ohne Unterschied „Diebe" nannte, führte zu seiner Verhaftung. Fteilich wurde er auch jetzt noch diesetwegen nicht angeklagt oder gar verurtheilt. Selbst nach den Aposteln wurde er der Gotteslästerung angeklagt, weit er behauptete, der Sohn Gottes zu sein. Es stand ihm frei, sich zu vertheidigen, er lehnte es ab. Wieder fragte ihn der Oberpriester, ind feierlich wurde er aufgefordert, zu erklären, ob er sich für den Sohn Gottes halte. Er gestand, daß dies seine Ueberzeugung sei, und fügte hinzu, sie würden ihn später in den Wolken des Himmels zurückkehren sehen. Konnte ein monotheistischer Gerichtshof anderes thun, als nach solchen Erkenntnissen ein „Schuldig" finden? Ein Mann, der behauptet, der Sohn Gottes zu sein, zerstört gewiß die Idee des Monotheismus, und die Folge lehrte, daß dem so war. Die christliche Kirche ging bald vom reinen Monotheismus ab, indem sie das Dogma der Dreieinigkeit anerkannte; der Sohn wurde binnem Kurzem noch mehr als der Vater Gegenstand der Anbetung. Er hätte nach jüdischem Recht gesteinigt werden sollen. allein die römische Herrschaft gestattete dem Volke nicht, sein Urtheil auszuführen, und er wurde daher vor Pilatus angeklagt.' Die Anklage lautete, daß er Ansprüche erhebe, der König der Juden zu sein. Jede Diskussion über die Gerechtigkeit der Anklage fällt fort, da er von Pilutus befragt, sofort die Rich-