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Der Israelit · 1876-08-02 · Heft 31 (2.8.1876) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 31 (2.8.1876)
Date
1876-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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719 begnügen. Und wie schmerzlich es auch für die Anhänger des Religionsstifters sein mag, zv. denken, daß dieser sich im Unrechte befand, so müßte es ebenso schmerzlich sein, hätte nicht jahrhunderte lange Gewohnheit die natürlichen Gefühle verdreht — anzunehmen, daß ein ganzes, tief religiöses und heroisches Volk sich verschworen haben sollte, einen einzelnen Menschen auf Grund von absolut unwahren Anklagen zu verurtheilen. Bei einer Untersuchung dieser Frage muß man vor allem auf die ererbten Gefühle der Juden mit Bezug auf Religion und Blasphemie Rücksicht nehmen. Sie waren vor allen anderen Monotheisten; seit der Gefangenschaft hatten sie jede Spur von Götzendienst entfernt, und mit strenger eiserner Consequenz hingen sie an ihrem Gölte. Seine Gesetze waren ihnen das Heiligste, und jeder Versuch, die Autorität Gottes zu schwächen oder in Zweifel zu ziehen, mußte ihren höchsten Abscheu erregen. Die ganze Existenz der Nation hing an der strengen Befolgung der Lehre Gottes, an welcher sie auch nicht das Geringste ändern lassen wollte. Unter allen Drangsalen hatten sie daran festgehalten, und die Römer hatten ihnen ihre Religion und Nationalität blos unter der Bedingung des Gehorsams gegen die weltliche Macht gelassen. Das geringste Anzeichen einer Rebellion hätte hinreichend sein können, um die Römer zu veranlassen, ihnen auch ihre Religion und Nationalität zu rauben. Alles was den Juden von ihrer Unabhängigkeit geblieben war. die Freiheit nämlich, Gott nach ihrer eigenen Anschauung anzubeten, der Besitz des Tempels, alles das hing davon ab, daß sie mit dem über sie gesetzten Procurator auf gutem Fuße blieben. Wenn nun Jemand auftrat, der Rechte für sich in Anspruch nahm, die mit der römischen Herrschaft in gewaltsamen Widerspruch kommen konnten, so war dies eine große Gefahr für das Volk, dessen Aelteste stets bemüht sein mußten, zu beweisen, daß sie keine Ansprüche unterstützten, welche eine den Römern feindliche Macht in das Leben zu rufen im Stande wären. Um so schwerer war ihre Aufgabe, als das Volk stets auf einen Messias oder Erlöser hoffte, der sie von der Fremdherrschaft erlösen sollte. Wenn also Jemand vortrat, der der Messias zu sein behauptete, so mußten sie seine Ansprüche auf diese Rolle genau prüfen Sie wären ihrer Stellung ganz unwürdig gewesen, wenn sie sich durch Gerüchte von Wundern und durch den Enthusiasmus Einzelner in ihrem kühlen Urtheile hätten bestechen lassen. Der Stifter der neuen Lehre hatte erklärt, er sei der Messias. Soviel ist unbestritten. Konnte man seine Ansprüche anerkennen? Vor allem Anderen hätte der Messias eine irdische Macht ausüben sollen. Man erwartete in ihm durchaus keinen religiösen Neuerer. Soweit die Juden betroffen waren, betrachteten sie ihre religiöse Offenbarung als abgeschlossen. Nirgends in chren heiligen Büchern findet sich eine Andeutung einer Lücke oder gar, daß Gott einen Sohn einst auf die Erde schicken werde, um diese Lücke auszufüllen. Was auch die Christen in Folge des Evangeliums über diese Frage denken mögen, die Juden hatten keinen Grund an solche Theorien zu glauben. Stets hatten sie denjenigen, der von ihrer Lehre etwas wegnehmen oder etwas zu derselben hinzusügen wollte, als den größten Verbrecher erklärt. Ihre größten Propheten: ihre größten Könige bestärkten sie in diesem Glauben. Ein religiöser Reformer war daher nicht erwartet, sondern ein weltlicher Erlöser von der Fremdherrschaft. Die Behauptungen des Religionsstifters, daß er der Sohn Gottes sei, konnten blos Unruhen im Lande erregen, ohne daß etwas Gutes aus denselben für die Juden gekommen wäre. Nun beklagen eben die Christen aller nachfolgenden Jahrhunderte, daß die Juden absichtlich blind dagegen waren, daß der Genannte kein Königthum auf Erden stiften wollte, sondern daß seine mefsianische Sendung sich auf das Jenseits bezog. Allein wer konnte das Wesen des erhofften Messias besser beurtheilen, als die Juden selbst; der Gedanke eines solchen war doch ihnen ganz allein eigen, nur sie waren die autorisirten Ausleger desselben, nur sie konnten sagen, ob die Bedingungen in einem bestimmten Individuum erfüllt wurden. Es ist sicherlich eine der erstaunlichsten Anmaßungen von Nationen heidnischer Abstammung, zu prätendiren, daß sie besser als die Juden selbst die Bedeutung eines jüdischen Wortes verstünden, eines Wortes überdies, welches überhaupt keine andere Bedeutung haben konnte, als welche ihm von den Juden beigelegt wurde. Die Christen, welche nicht nur die Idee von dem Character des Messias, sondern auch nur die Kenntniß des Wortes selbst aus dem in Rede stehenden Falle allein ableiten, unterfangen sich, die Juden in diesem Punkte belehren zu wollen, bei denen die Idee seit vielen Jahrhunderten geläufig war. Allein selbst angenommen, daß die Prophezeihungen der Propheten bezüglich des Messias sich auf ein himmliches Reich bezogen hätten, so bleibt doch noch die Frage offen, ob der Stifter der neuen Lehre die von der Schrift verlangten Bedingungen besaß. Und dabei sollen blos die Prophezeihungen in Betracht kommen, auf welche die Evangelien sich beziehen, die sie daher für sich in Anspruch neh-

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