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Der Israelit · 1876-07-26 · Heft 30 (26.7.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 30 (26.7.1876)
Date
1876-07-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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698 warte; doch sie fürchtete sehr, ihre Mutter würde einem Spaziergange im Schneegestöber sich widersetzen. Jetzt erst gewahrte sie. daß Frau Werner die Augen heute nur selten öffnete und sie freute sich dessen. Leise schlich sie zum Fenster und zog die Vorhänge dichter zusammen. Unnöthige Vorsicht; Frau Werner hatte dem Fenster den Rücken zugewendet und keine Ahnung von dem Stand des Wetters. „Willst Du nicht wieder auf ein Weilchen in's Freie gehen?" fragte sie matt. „Die Luft hat Dir seit einigen Tagen sehr wohl gethan." Hermine hätte laut aufjauchzen mögen, daß es ihr so leicht gemacht wurde; doch sie hielt an sich. „„Wie besorgt Du immer bist, Mamachen; doch ich glaube, Du hast Recht, frische Luft ist mir Bedürfniß, es ist hier im Zimmer entsetzlich dumpf."" „So gehe, mein Kind, doch hülle Dich nur recht gut ein." „..Sei unbesorgt, Du liebe, gute Mama!"" sie drückte einen Kuß auf der Mutter brennenden Lippen , und merkte nicht einmal die Gluth ihres Athems. Doch die Leidende öffnete aus einen Moment die schweren Lider und lächelte dem blühenden Liebling zu. „Adieu, mein Kind!" „„Adieu, Mama!"" Sie eilte fort. Mit zitternden Händen — sie fürchtete immer noch, die Mutter könne ihren Jrrthum gewahren und sie zurückrufen — vollendete sie ihre Toilette und schlich unhörbaren Schrittes, doch mit laut pochendem Herzen, die Stiegen hinunter. Sie zog den Schleier vor's Gesicht und eilte die Straße entlang, ohne des Schneegestöbers zu achten. Bertha, so wähnte sie, würde sicherlich schon ihrer harren. Doch umsonst blickte sie sich nach ihr um; es war der Freundin nicht in den Sinn gekommen, bei solchem Wetter das Haus zu verlassen. Einen Augenblick zögerte sie unentschlossen; wäre es nicht auch für sie besser, umzukehren? — würde nicht am Ende auch der Graf das Unwetter scheuen? — Doch sie hatte ihm versprochen, zu kommen, zweimal hatte sie ihm das Wort gegeben; um jeden Preis wollte sie es halten. Wie mit Zaubermacht zog es sie hin zu ihm, und weiter eilte sie trotz Sturm und Wetter. Die Hauptallee in der Promenade war menschenleer, einen Augenblick überkam es sie unheimlich , doch nur einen Augenblick; denn schon am Eingang der Seitenallee glaubte sie die Gestalt des Grasen zu erblicken Sie hatte sich nicht getäuscht, er war es in der Thal, hatte sie bereits erkannt und eilte auf sie zu. „Hermine!" rief er und streckte beide Hände ihrentgegen; sie legte ihre Hände in die seinen und so standen sie mehrere Minuten schweigend einander gegenüber und schauten einander in die wonnestrahlenden Augen und merkten es nicht einmal, daß der Schnee fingerdick sich auf ihren Kleidern häufte. Dann zog er ihren Arm durch den seinen, preßte ihre Hand an seine Brust, und so schritten sie trotz des Schneegestöbers die Alleen auf und nieder, als lachte der schönste Frühlingshimmel auf sie hernieder. „Sie sind allein gekommen?" fragte der Graf und schaute sich erst jetzt nach der gewohnten Begleiterin um. „„Meine Freundin hat sich vermuthlich durch das unfreundliche Wetter zurückhalten lassen."" „Und Sie haben das Unwetter nicht gescheut? Haben Sie sich denn nicht gefürchtet, allein hierher zu kommen?" Sie blickte mit innigem Vertrauen zu ihm auf. „Sie haben mich aufgefordert, hierher zu kommen; ich habe es versprochen, was sollte ich fürchten?" „„Sie haben Recht,"" erwiderte er und zog ihre Hand an seine Lippen. „„Sie haben nichts zu fürchten, Graf Staremberg ist — Hermine,"" unterbrach er sich selbst, „„gesegnet sei dieses Unwetter , das mir das unaussprechliche Glück verschafft, Sie allein zu sprechen. Zum erstenmal wird es mir zu Theil und gleich dieses erste Mal will ich es nützen und Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, unaussprechlich liebe und voll Sehnsucht der Genesung Ihres Vaters harre, um ihn um Ihre Hand zu bitten. Sie werden sie mir doch nicht weigern?"" Das junge Mädchen war glühend roth geworden, sie sah sich am Ziele aller ihrer Wünsche, aller ihrer Hoffnungen — stürmisch hob und senkte sich ihr Busen. Doch war sie nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. „Hermine," flehte der Graf, „reden Sie, darf ich hoffen, Sie mein zu nennen?" Doch sie vermochte noch nicht zu reden; die SeligkeitdesMoment-hatte sie sprachlos gemacht, aber sie hob den Blick und schaute zu ihm auf und in diesem Blick unendlicher Hingebung las er ihre Antwort, schlang feine Arme um sie und drückte sie fest an sein pochendes Herz — und sie wehrte ihm nicht, sondern erwiderte wonnetrunken den glühenden Kuß, den er auf ihre Lippen preßte. „Jetzt bist Du mein," flüsterte er. „„Auf ewig,"" versetzte sie, und lehnte das Haupt an seine Schulter. Da schüttelte der Wind die Bäume und wehte einen ganzen L-chneehaufen den Liebenden in die

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