Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1876)
- Date
- 1876-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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695 zwei Töchter herstammen. Seine Geschäfte prosperirten. er wurde sehr reich und führte ein flottes Leben. Aber plötzlich wandte ihm das Glück den Rücken, er verlor nach und nach sein Vermögen und stürzte von seiner Höhe. In diesen traurigen Umständen gedachte er wieder seines Volkes und Glaubens und that das Gelübde: „Wenn Gott mir wieder hilft und mich meine frühere Stellung Feuilleton. Pinjamin. XXII. In aller Frühe fuhr Binjamin am andern Morgen nach H. In der nicht allzugroßen Stadt erfuhr er bald die Adresse seiner Mutter. Im Hause Rabbi Oscher Goldau's gab er seine Karte ab und bat, ihn bei Frau Hirschfeld zu melden. Frau Caroline las die Karte. „Monsieur Richard Lennoir de Paris.“ „Was mag der wollen?" sagte sie. „Ich kenne Niemanden dieses Namens." „Binjamin trat ein; seine Mutter erkannte ihn nicht. „Madame," sagte er, „Sie haben einen Sohn, Namens Binjamin?" „„Um Gott, mein Herr, was wissen Sie von meinem Sohne?"" „Er lebt und ist gesund." „„Dem Himmel sei Dank! Wie manche lange Nacht habe ich an ihn gedacht, um ihn geweint. Warum aber hat er nichts von sich hören lassen?"" „Er hat nach F. geschrieben. Der Brief kam als unbestellbar zurück." „„Wie thöricht, daß ich meine Adresse nicht in meiner Wohnung zurückgelassen hatte! Wie geht es ihm denn? Was ist er?"" „Er ist ein geschickter Kunstreiter, der Liebling des Publikums und verdient viel Geld. — Sie schweigen, Madame? Der Beruf scheint Ihnen nicht zu gefallen?" „„Sagen Sie, Herr Lennoir, ist mein Sohn noch — Jude?"" „Und wenn er es nicht mehr wäre? Sie hatten doch einst den Plan, ihn taufen zu lassen!" Die Augen Carolinas füllten sich mit Thränen. „„Ach,"" rief sie weinend, „„so hat sich denn das schreckliche Schicksal erfüllt, das zu vernehmen ich Tag für Tag gefürchtet habe!"" „Beruhigen Sie sich. Madame, Ihr Sohn ist nicht allein Jude, er ist sogar ein gottessürchtiger, gesetzestreuer Jude; auch ist er nicht Kunstreiter, sondern Kaufmann. Mutter, Mutter, kennst Du Deinen Sohn nicht mehr!" Und er stürzte mit ausgebreiteten Armen auf die überraschte Frau zu und umarmte und küßte sie. „Mein Sohn, mein Sohn!" rief Carolina, „jetzt will ich geme sterben, da ich Dich wieder gesehen!" Wer könnte das Entzücken der Beiden schildern? Auch was sie sich gegenseitig zu erzählen hatten, auch das wollen wir hier nicht wiederholen. Das Wichtigste weiß ja der Leser bereits. Statt dessen wollen wir hier zwei Briefe mittheilen, die beide an Frau Emilie Lennoir in Paris gerichtet waren. Frau Carolina schrieb: „Hochgeehrte Frau! Mit jubelndem Herzen schreibt Ihnen die Mutter Ihres Pflegesohnes. Ich habe meinen Sohn wieder, meinen verlorenen Sohn! In diesen Worten liegt die größte Seligkeit, die ein Mutterherz empfinden kann. Und wem verdanke ich dieses Glück? Nur Ihnen, edle, hochstnnige Frau, die Sie meinen Sohn errettet haben doppelt und dreifach! O, wie gut müssen Sie sein! Könnte ich doch nach Paris eilen! Ich sehne mich danach, mich Ihnen zu Füßen zu werfen und Ihre Knie zu umfassen, um den großen, unendlichen Dank meines Herzens vor Ihnen auszuweinen; denn Worte vermögen ihn nicht auszudrücken! Und wem haben Sie all das Gute erwiesen! Dem Sohne des Mannes, der Sie einst, ohne Grund, tief, ja, tödtlich beleidigt hatte* O, Madame, Sie gleichen den erhabenen Prophetinnen des Alterthums, den edelsten Frauen Israels! Wahrlich, wäre ich nicht durch gute Menschen veranlaßt schon längst zur Beobachtung unserer heil. Religionsgesetze zurückgekehrt — Ihr edles Beispiel hätte mich religiös gemacht. — Mein Sohn, der einst ganz verwaiste, hat jetzt zwei Mütter; ich will mich damit begnügen, ihn zu lieben; seine kindliche Liebe aber gehöre, wie bisher, ganz Ihnen! Gott segne Sie! Ihre ewig dankbare H., 17. Mai 1861. Carolina Hirschfeld." Der andere Brief lautete folgendermaßen: „Meine theure, geliebte Pflegemutter! Der anliegende Brief theilt Ihnen das unendliche Glück mit, das mir zu Theil geworden, da ich meine geliebte Mutter wiedergefunden habe. Als ich Sie, theure Pflegemutter, zum ersten Male