Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1876)
- Date
- 1876-07-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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692 Dieses Einflusses erfreuen sich die orthodoxen! Rabbinen, die von ihrer Gemeinde oder ihrem Bezirke gewählt sind, wie es das jüdische Gesetz vorschreibt. Wo aber die Radicalen einen Reformrabbinen einsetzen, ist der Einfluß dennoch null und nichtig, weil diese Herren auch das Geschöpf ihrer Wahl für ihre „religiösen Bedürfnisse" nie brauchen, sondern lediglich als einen Gegenstand der Mode nnd des Luxus, nicht als Rabbiner sondern als „Prediger" ihrer Tempel unterhalten, die sie dennoch fast nie besuchen. Der Ulmer Leseverein stellt die Dorfgemeinden in edler Sprache auf den „Aussterbeetat" und vindicirt nur den „größerenstädtischen Kirchengemeindeu" solche Organe, welche den Cultus und die Verwaltung ohne Oberaufsicht zu leiten vermögen, „welche fähig sind, auf eigenen Füßen zu stehen." Noch bildet aber in Württemberg die jüdische Landbevölkerung in der Zahl der Gemeinden und der Seelen die große Mehrzahl unter den ca. 12,000 Israeliten. Der Leseverein ci.irt dabei den preußischen Entwurf über den Austritt aus der Synagogengemeinde, ohne in der Eile weislich zu berücksichtigen, was beide Kammern daran sehr wesentlich amendirt haben. Interessant ist dieser Schritt des Lesevereins in Ulm an der Donau schließlich auch deshalb, weil er mit der noch loyalen Petition der ebenso radicalen aber officiellen Bitte des Kirchenvorsteheramts kollidirt und dessen prophetischen Worte auf S. 5 bewährt: „Die Gemeindemitglieder in Ulm wissen in Vrincipienfragen auch ohne und gegen das Kirchenvorsteheramt ihren selbstständigen Weg zu gehen." „Es könnte über unsere Häupter hinweg eine ungeregelte, außerhalb der Bahnen der amtlichen Unterordnung unter die Vorgesetzte Behörde uno des collegialen Vorstehers mit den übrigen Kirchenvorsteherämtern sich bewegende Agitation im Lande eingeleitet werden." Wenn die Orthodoxie in Württemberg ihre vor Decennien gethanen Schritte wiederholen will, so wird sie schwerlich mit den Herren Lebrecht u. Comp, eine Straße wandeln ua-n DrP3-n '2. Warten wir ab, ob ihr circulirender Aufruf in Stadt oder Land Beifall und Beitritt sindet. Wir werden nicht versäumen, den Leie n des „Israelit" über den weitern Verlauf dieses Ereignisses Bericht zu erstatte^. M. Berlin. Die Saison morte ist da in der ganzen Bedeutung des Wortes. Meine Schuld ist es daher nicht, wenn die Leser dieses geschätzten Blattes in jüngster Zeit nichts von hier gehört haben. Die Mitarbeiter jüdischer Blätter sind ja nicht in der glücklichen Lage der Stoffarmuth der „sauren Gurkenzeit" mit Nachrichten vom Kriegsschauplatz, wo sich Türken, Serben, Montenegriner. Herzegowiner und sonstige -Jner nach den tele-! graphischen Berichten täglich einander zersiegen,! nachzuhelfen, noch können sie über die Reichstädter und sonstige Kaiserzusammenkünfte und Kanzlerconferenzen berichten; auch das Gesetz über den Austritt aus der Synagogengemeinde wird bald glücklich unter Dach und Fach gebracht sein; es ließen sich allenfalls Betrachtungen über die zukünftigen Folgen dieses Gesetzes anstellen, was aber, da (nach dem Talmud) nach der Zerstörung des Tempels die Gabe der Prophetie den „Narren und Kleinen" verliehen ist, nicht als glücklicher Griff des Correspondenten bezeichnet werden könnte. So ruhen demnach alle Wälder und darum müßten auch die journalistischen Federn ruhen! Und doch — kann man ihnen, den schreibseligen, das zumuthen? Und was würde das Publikum dazu sagen? (Vielleicht „Amen"? — das wäre aber nicht liebenswürdig!) Bei dieser fatalen Sachlage ist die weltbewegende That des Edlen von Knoblauch, wohlbestallten Königlichen Landrath im Samterkreis nicht hoch genug zu schätzen. Wer hätte geahnt, daß dieser mit seinem Aufruf zur Bildung einer Partei Bismarck „sans phrase“ jüdische Jnournalisten aus der Verlegenheit helfen könnte! Wenn er es gewußt hätte, wäre vielleicht der Aufruf nicht erlassen worden. Hat doch sein Parteigenosse, HerrBaron v. Kleist-Retzow im Herrenhause gesagt, daß die Juden, „auf denen noch immer die Decke liegt vor ihren Augen, ohne Vaterland und ohne Hoffnung" sind. Und solch' verst ckten Vaterlands- und hoffnungslosen Leuten beistehen — Brrrr! Zwar kann er sich auf einen anderen nicht minder conservativen Pair berufen, auf den Herrn, ebenfalls Baron, von Senft-Pilsach! Dieser sagte ja, daß jeder gute Christ per so Sympathie haben müsse für die Juden, wer das nicht anerkennt, solle ausscheiden! Es müßten darnach freilich Viele ausscheiden. Woraus wissen wir nicht, Herr von Senft-Pilsach auch nicht; wenigstens hat er es nicht gesagt; er wollte es nur andeuten, wie er ja auch an anderer Stelle so herrlich angedeutet hat, daß es Ortschaften gibt, in welchen nur Juden wohnen, in denen also gar keine christlichen B e gräbnißplätze sind; das müsse er, da man von den Schulen rede, ausdrücklich bemerken. Ob die Schulen des Herrn von Senfft-Pilsach wirklich Begräbnißanstalten für den Geist sind, haben wir nicht in Erfahrung bringen können. — Um also wieder auf besagten Herrn Knobloch zurückzukommen, so müssen wir nolons volens seine Verdienste lobend anerkennen