Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1876)
- Date
- 1876-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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David Hirschfeld ließ die Worte seiner Frau unbeachtet. „Ich werde ein feit accompli machen," sagte er, „und werde bei Tisch Deine Verlobung proclamiren." „„Dann würde ich Dir widersprechen müssen, lieber Vater!"" „Lieber Vater — sag' doch nicht lieber Vater! Ist das Deine Frömmigkeit, wenn Du ungehorsam sein willst gegen Vater und Mutter!" Johanna traten die Thränen in die Augen. „ „Quäle das Kind nicht!" sagte Frau Sprinzchen, „„es muß ja nicht heute sein! Sie wird sich schon besinnen und erkennen, daß Du nur auf ihr Glück bedacht bist. Es ist auch Zeit, daß wir zu Tische gehen."" Bei Tische erhielt der Freiherr von Solmsfeld seinen Platz neben Johanna. Lennoir wurde an das untere Ende der Tafel gesetzt; Theodor setzte sich neben ihn. „Ich weiß nicht," sagte Theodor zu seinem Nachbar, „es kömmt mir wie im Traume vor, daß ich Sie schon einmal gesehen und gesprochen habe, wie eine Erinnerung aus meiner Kindheit. Waren Sie vielleicht als Kind einmal in Deutschland?" „„Gewiß,"" antwortete Richard, „„meine Mutter ist eine Deutsche."" Theodor verfiel in tiefes Nachsinnen; er war heute besonders ernst und tramig gestimmt. Die Freunde des Hauses begannen auf das Jubelpaar Toaste auszubringen, in denen die Tugenden desselben in hochklingenden Reden gefeiert wurden. Allgemeiner Jubel folgte diesen Toasten; fröhlich klangen die Gläser zusammen. Nur Theodor stimmte nicht ein in die allgemeine Freude; er brachte keinen Toast aus; er ließ sein Glas nur anklingen, wenn er dazu aufgefordert wurde. „Was haben Sie nur, mein Freund," fragte Richard. „Sie sind so trübe gestimmt. Wer hätte wohl mehr Ursache heiter zu sein als Sie?" „„Ich muß heute unablässig an einen Vetter denken, der, noch halb ein Knabe, in die weite Welt gegangen, wir wissen nicht, wohin,"" „Und liebten Sie diesen Vetter so sehr?" „„Ich kannte ihn kaum."" „Und warum geht Ihnen das Geschick dieses kaum gekannten Vetters so nahe?" „„Weil ihm ein großes Unrecht geschehen ist, das ich gern wieder gut machen möchte."" „Hatte der Knabe noch Eltern?" „„Eine Mutter; diese lebt in H.; auch sie ifl ohne Nachricht von ihrem Sohne."" Richard, oder vielmehr Binjamin, erbebte. Jetzt kannte er den Aufenthalt seiner Mutter, nach dem er so lange vergeblich geforscht hatte. Er mußte sich gewaltsam zusammennehmen, um seine Aufregung zu bemeiftern. Auch er blieb setzt einsilbig und warfroh. als er bald nach beendeter Mahlzeit sich verabschieden konnte. Binjamin war von seiner Pflegemutter, am Tage nach seiner Rettung aus den Händen der Verfolger, nach Metz geschickt worden, in das HauS ihres Schwagers Arnaud Lennoir Hier war Binjamin in dessen Geschäft als Lehrling eingetreten, während in den Mußestunden tüchtige Lehrer seine vernachlässigte Bildung, namentlich in der Kunde von unserer heiligen Religion, vollendeten. Von Metz aus hatte Binjamin an seine Mutter nach F. geschrieben, der Brie' war aber zurückgekommen mit der Bemerkung: „Fortgezogen, unbekannt, wohin." Dann hatte sich Binjamin an seinen Onkel im Odenwalde gewandt,'hatte ihn wegen seiner Flucht aus Pfaffenbeerfurth um Verzeihung gebeten und ih» ersucht, ihm Kunde von seiner Mutter zukommen zu lassen. Als Antwort war ein Brief von Tante Babette gekommen. Der gute Onkel Moses war gestorben, und die Tante wußte nicht, wo sich die Schwägerin jetzt befinde. Damit war die Möglichkeit, Erkundigungen einzuziehen, für Binjamin erschöpft. Als er später nach Paris zurückkehrte und in das Geschäft von Godin u. Co. eintrat, ergriff er mit Freuden die Gelegenheit, für sein Haus nach F. zu reisen, um Erkundigungen nach seiner Mutter einzuziehen. Gleich nach seiner Ankunft in F. hatte er das Haus im Müllergäßchen aufgesucht, wo seine Mutter gewohnt hatte. Aber das Haus hatte seinen Eigenthümer gewechselt, und Niemand wußte von einer Frau Hirschfeld zu sagen. Jetzt hatte er auf so unerwartete Weise den Aufenthaltsort seiner Mutter erfahren. Er wäre gern sofort nach H. gefahren; mußte aber nothgedrungen bis zum andern Morgen warten. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. M ottSl eben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).