Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1876)
- Date
- 1876-07-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XVII. Jahrgang. ZweiteLeilage zu Ar. 88 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 10. Juli. Wir haben heute den Rest der bei uns für die Abgebrannten der russischen Stadt Widze eingelaufenen Spenden im Betrage von 1050 Mark an das Comite in Memel gesandt. — Für den hilfsbedürftigen Familienvater in der Gegend von Dornholzhausen haben wir wieder 300 Mark, im Ganzen bis jetzt 700 M., an Herrn Pfarrer Bauer Übermacht. Darmstadt, 29. Juni. Auf eine Interpellation des Abg Schröder hat die Regierung geantwortet, daß die Verordnung vom 23. Febr. 1800, betr. die Staatsaufsicht über neue Religions - Gemeinschaften, auch nach Erlaß des Gesetzes vom 23. April 1875, die rechtliche Stellung der Kirchen und Religions-Gemeinschaften im Staate betr., in voller Kraft fortbestehe. Außerdem hat sie bezüglich eines Gesetzes, betr. den Austritt aus einer Kirche oder Religions-Gemeinschaft, erklärt, daß sie zu geeigneter Zeit ein solches Gesetz vorzulegen beabsichtige. Jltgenheirn a. d. Bergstr., 22. Juni. Heute Vormittag hatten Se. Maj. der Kaiser von Rußland einen seltenen Besuch im Schloßpark dahier: eine mittlere Klasse der höheren Töchterschule der orthodoxen Jsraelitengemeinde zu Frankfurt a. M. Die Kinder waren nämlich, unter Führung ihrer Lehrerinnen, auf einem Ausfluge nach dem Felsberge begriffen und wollten gelegentlich den Schloßpark besuchen. wurden aber von den Schloßwärtern zurückgewiesen. Se. Maj. der mit seinen Adjutanten eben aus dem Schlosse heraustrat, bemerkte dies kaum, als er sofort durch den Adjutanten den Lehrerinnen bedeuten ließ, mit den Kindern einzutreten und munterte Allerhöchst selbst die Kinder dazu auf. Er unterhielt sich nun bald mit einer Lehrerin, bald mit dieser oder jener Kindergrupp'- auf's leutseligste, fragte nach der betreffenden Anstalt und dem Namen des Direktors, dann nach dem gegenwärtigen Stand ihres Mundvorraths und bot ihnen huldvollst gastfreundliche Bewirthung an. Die kleine Gesellschaft dankte ehrerbietigst und wies auf ihre wohlgefüllten Botanisirbüchsen hin. Er führte sie nun nach Punkten, von wo aus sich die herrlich,:e Umschau dabot und machte sie auf! das Eine und Andere aufmerksam. Als sie den j Felsberg als ihr Reiseziel angaben, schloß er sich ihnen in herablassender, gewissermaßen traulicher Weise bis an's Ende des Parke-, an. zeigte ihnen den Fußweg, rieth nachdrücklich von der staubigen Landstraße ab und wollte sich eben empfehlen, als die Kinder, wohl auf einen Wink der Lehrerin, das schöne Lied: „Kennst Du dasLandin deutschen Gauen," gut eingeübt, munter und brav, ungenirt, wie die Waldsänger, frei in die Waldluft ertönen ließen. Das schien den Kaiser sehr zu freuen; gelehnt auf seinen Spazierstock hörte er ihnen lächelnd bis zu Ende zu und grüßte dankend, was die Kinder mit Tücherichwenken erwiderten. Darauf wandte sich der Kaiser noch einmal um, grüßte noch einmal freundlich und wünschte einen guten Tag. (Jüd. Pr.) Karlsruhe. Eine schmerzliche Veranlassung ist es, welchem mein heutiger Bericht gilt, einer edlen Verstorbenen nämlich durch diese Zeilen die letzte Ehre zu erweisen. Frau BettyWormser, Wittwe des vor wenigen Jahren verstorbenen Baruch Wormser n"y wurde uns am 11. Sivan durch den Tod entrissen. Wem, der die Edle kannte, die diesen Namen trug, tritt bei der bloßen Nennung desselben nicht das Bild eines Frouenideals vor die bewegte Seele, das in wunderbar glücklicher Mischung alle jene zarten Tugenden eines jüdischen Frauenherzens mit den Vorzügen eines tief eindringenden, ernsten, geradezu männlichen Geistes in sich vereinigte!'Wem weckt nicht ihr bloßer Name die Erinnerung an die personificirte Liebenswürdigkeit und Geistesgröße, an die Herzensgüte und Charakter'eftigkeit, an die Gemüths- und Gedankentiefe, an die rastloseste Thätigkeit und die ruhige Besonnenheit, an alle jene herrlichen Tugenden, die Frau Wormser n"y in der That zu einer Krone ihrer Familie, zu einem Stolz und einer Zierde aller Derjenigen machte, die zu dem großen Kreis ihrer Freunde zählten. — Liebenswürdigkeit und Geistesgröße waren die beiden Eigenschaften, welche Jeden für die Verblichene einnehmen mußten, der auch nur vorübergehend mit ihr zu verkehren Gelegenheit hatte. Obwohl Jahre lang durch ein hartnäckiges Herzleiden ans Krankenzimmer gefesselt, ertrug sie dieses für ihren Geist besonders herbe Geschick mit solcher Ruhe und Zufriedenheit, daß sie weit entfernt des Trostes und