Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1876)
- Date
- 1876-07-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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652 „„Wie geht es meinem. Vater?"" fragte Hermine. Der Doctor zuckte die Achseln. „Geben Sie nur auf sich gehörig Acht, bestes Fräulein, gehen Sie täglich mindestens eine Stunde in's Freie, und suchen Sie auch die Frau Mama zu bewegen, daß sie zuweilen frische Luft schöpfe; es thut ihr wahrlich Noth. Und was den Herrn Papa betrifft, so machen Sie sich nicht gar so viele Sorgen; ersteht noch im kräftigsten ManneSaltec, hoffen wir das Beste." Er eilte fort. Langsam, fast zögernd, schritt Hermine weiter. Als fürchtete sie sich, der Mutter zu begegnen, begab sie sich zuerst in ihr eigenes Zimmer, wo sie sich beim Ablegen der Ueberkleider auch gar nicht sehr beeilte, und dann erst schlich sie in oer Eltern Zimmer. Der Kranke lag wie gewöhnlich mit geschlossenen Augen, schien jedoch nicht zu schlummern; seine Lippen bewegten sich, als ob er spräche, doch nur einzelne unzusammenhängende Worte stieß er von Zeit zu Zeit hervor. Häufiger als bisher wechselte der Wärter die Eisumschläge, die aus Geheiß des Arztes die glühende Stirn zu kühlen bestimmt waren. Frau Werner stand am Kopfende des Bettes und verrichtete das Abendgebet; und Thräne auf Thräne glitt über ihre bleichen abgezehrten Wangen. Das junge Mädchen stand inmitten des Zimmers, die großen, doch jetzt auch thränenumflorten Augen bald auf die betende Mutter, bald auf den phantasirenden Vater gerichtet -— sie liebte ihn ja, und unaussprechliches Weh durchzuckte ihr Herz bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit, ihn zu verlieren — und trotzdem gab es in ihrem Innern eine Stimme, die ihr zuflüsterte, daß dasjenige, was ihr als des Lebens höchste Seligkeit erschien, der Vater nimmer als solche betrachten würde, und daß daher — sie preßte beide Hände an die Stirn; sie wollte nicht weiter denken. „Armes Kind," lallte der Kranke, „armes Kind!" Galt das ihr? — sie stürzte nieder vor dem Bette, stützte das Haupt auf den Rand desselben und preßte ihr Tuch zwischen die Zähne. Die Mutter eilte herbei , umschlang die Zitternde und geleitete sie in's Nebenzimmer. „Kind! um Gotteswillen, Kind! wer wird so außer sich gerathen. Dem Vater geht es ja nicht schlechter." „„Nicht?"" fragte Hermine und athmete erleichtert auf. „Es ist nicht die geringste Aenderung eingetreten;" versicherte die Mutter, „aber wie ist es Dir auf Deinem Ausfluge ergangen?" „„Gut,"" erwiderte Termine flüchtig. „„Aber ich habe den Doctor getroffen,"" fügte sie hastig hinzu, „„und er hat es mir zur Pflicht gemacht, Dich, liebe Mama, zu veranlassen, auch täglich ein Weilchen frische Luft zu genießen. Ich dächte, Du gingest morgen Vormittag ein Stündchen und verspreche ich Dir, während Deiner Abwesenheit keinen Blick von Papa zu wenden."" Frau Werner schüttelte trübe das Haupt. „Es ist mir unmöglich, Kind, in Wahrheit unmöglich." Sie fühlte sich in Wirklichkeit äußerst erschöpft. „Aber warum kannst Du nicht?" fragte die Tochter, „wenn ich Dich doch versichere, des Vaters Pflege zu beaufsichtigen —" „„Ach, das würde mir wohl genügen, aber ich kann mich nicht entschließen, jetzt auszugehen und allen mir begegnenden Freunden und Bekannten Rede und Antwort zu stehen und. Auskunft zu geben. — Nein, ich kann es nicht. Warten wir noch einige Tage, bis ich mit Gottes Hilfe bessere Auskunft werde geben können. Bist Du nicht viel gefragt worden?"" „Ich habe keinen unserer näheren Bekannten getroffen," erwiderte Hermine ausweichend. Sie fand, daß die Mutter leidend aussah und bat dringend , sie möge zeitiger zur Ruhe 'ich begeben. Frau Werner versprach es, doch wollte sie von Herminens Anerbieten, noch einige Stunden am Bette des Vaters zu verweilen, nichts wissen. Der Wärter genüge vollkommen, das Befinden des Kranken habe sich nicht verschlimmert, die Tochter solle ebenfalls der Ruhe pflegen. Diese fühlte zwar instinctiv, die Mutter wolle sie täuschen; doch ging sie willig auf ihre Anordnung ein und zog sich bald in ihr Zimmer zurück. Sie mußte allein sein, um jeden Preis allein sein. — Den Qualen der verflossenen drei Wochen war die Wonne des heutigen Nachmittags zu plötzlich gefolgt, und dann wieder der Anblick des kranken Vaters, der abgehärmten Mutter! Der Wechsel war zu groß, sie mußte allein sein, um alle diese verschiedenartigen Eindrücke in ihrem Innern zu ordnen. Sie war der erschöpften Mutter beim Auskleiden behilflich gewesen, hatte mit bangem, schmerzlichem Blick den kranken Vater betrachtet und dem Wärter aus die Seele gebunden, bei der geringsten Veränderung in dem Befinden des Kranken sie zu wecken, und dann schlich sie in ihr Stübchen. Dank der Fürsorge der alten Magd fand sie es behaglich und wohl durchwärmt; die Gasflamme war bereits angezündet, im Ofen loderte ein helles Feuer, Theegeschirr befand sich auf dem Tische und in der Ofenröhre brodelte das Wasser im Kessel.