Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1876)
- Date
- 1876-07-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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653 „Habe ich'S gut gemacht, Fräulein?" fragte die Alte, die ihr gefolgt war. Ein Lächeln umspielte die Lippen des jungen Mädchens und dankte der freundlichen Fürsorge der treuen Dienerin. „Hier wird mir's wohl werden," sagte sie leise, „Alles, was ich nur wünschen kann, hast Du so freundlich znbereitet; da werde ich mich recht bald niederlegen. Gute Nacht, gute Katharine!" Die Alte erwiederte den freundlichen Wunsch und entfernte sich. — Hermine athmete tief auf; es war ihr mit dem Zubettegeheu durchaus noch nicht ernst. Hastig entledigte sie sich ihrer Oberkleider, hüllte sich in einen bequemen Schlafrock und ließ sich in den niedrigen Schaukelstuhl dem Ofen gegenüber nieder. Von jeher hatte sie es geliebt, an kalten Winterabenden dicht vor dem Ofen zu sitzen, in die lodernde Flamme zu schauen und träumend dem Prasseln des brennenden Holzes zu lauschen. Auch heute versank sie bald in ein tiefes träumerisches Sinnen. — Sie hatte beide Arme auf die Kniee gestützt, das Haupt ruhte in den Händen. Aus dem Ofen ertönten mannigfache Stimmen. Das Wasser im Kessel zischte, das Holz im Ofen ließ bald ein Krachen vernehmen, bald war's wie ein Summen, bald wie ein Singen. Hermine lauschte und träumte, und ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Die Töne, die sie vernahm, sie dünkten ihr glühende Liebesworte, das Herz schwoll ihr in nie geahnter Seligkeit. — Doch jetzt krachte es im Feuer, ein unheimliches Stöhnen ließ sich vernehmen — Hermine fuhr empor — drang das Stöhnen des Kranken bis in ihr fernes Zimmer? — unmöglich, sie erkannte bald ihren Jrrthum und überließ sich von Neuem ihren Träumen. — Horch! was war das? lautes, helles Glockengeläute drang an ihr Ohr — war es das Rauschen ihres aufgeregten Blutes? — nicht doch, es war ja so hell, so laut — sie schloß die Augen und lauschte. — Ja, ja, jetzt wußte sie es 'mit einemmal, warum die Glocken tönten. — Sie sah sich im Geiste im bräutlichen Schmuck an des Geliebten Seite, doch kein Baldachin wölbte sich nach jüdischem Brauch über dem Brautpaar, zur hohen Kuppel des Doms schaute sie empor — und ein fremder Priester, das Kreuz auf der Brust sprach den Segen über die Liebenden — ihrer Vermählung läuteten die Glocken. — Und es war ihr, als wäre sie dem Grafen bereits vermählt und im Begriff, die Schwelle des Doms zu überschreiten. Da taumelte sie plötzlich zurück, denn vor dem Eingang zur Kirche stand ihr Vater, in Sterbegewänder gehüllt, und schleuderte den Fluch ihr entgegen. Voll Entsetzen schrie sie laut auf — ihr eigener Schrei erweckte sie aus dem furchtbaren Traum, sie erkannte, wo sie sich befand, es war ja ihr eigenes trautes Zimmer. — Noch fuhr ein Schauder durch ihre Glieder, kalte Schweißtropfen perlten auf ihrer bleichen Stirn. „Nie," stammelte sie, „nie!" — es war ein Gelübde, dem eigenen besseren Selbst gelobt. Sie erhob sich von ihrem Sessel, schwankte einige Schritte durch's Zimmer. Fort mit dem Träumen, sie wollte wach und klar sein. Sie trat zum Tische, schüttete Thee in die Kanne und siedendes Wasser darüber und nach einigen Minuten erquickte sie sich an dem aromatischen Trank. Erleichtert athmete sie auf, sie fühlte sich wohler. — Hie Glockenschläge des nahen Domes verkündeten me elfte Stunde, wieder durchrieselte es sie kalt; die Erinnerung an den Traum war zu entsetzlich und abermals und nun in klaren deutlichen Worten gelobte sie sich, den Grafen nie wieder zu sehen. — Was sollte, was konnte auch aus einer abermaligen Begegnung werden? Wohl zweifelte sie nicht an des Grafen reiner Absicht, doch ihre Eltern — würden diese je es zugeben, daß sie einem Nichtjuden sich vermähle? — Nie, nie, davon war sie fest überzeugt. Heiße Thränen entstürzten ihren Augen, sie weinte über sich selbst, daß sie dem Glück, das ihr geboten, entsagen mußte. Doch nimmer wollte sie das eigene Glück mit dem Fluch der Eltern erkaufen. Sie weinte lange und schmerzlich, doch als ihre Thränen endlich versiegt, war es ihr leichter, ihr Entschluß war gefaßt, er hieß: Entsagung Trotz der unruhig verbrachten Nacht erhob sie sich früh am Morgen und begab sich in das Krankenzimmer. In dem Zustande des Vaters war keinerlei Veränderung eingetreten, doch die Mutter befand sich noch im anstoßenden Zimmer in ihrem Bette, sie schien sich heute noch matter zu fühlen als am vergangenen Tage; Hermine bat dringend, sie möge noch einige Stunden der Ruhe pflegen; doch Frau Werner bestand darauf, unverzüglich das Bette zu verlassen und kleidete sich mit Herminens Hilfe an. „Wenn Du Dich nur entschließen könntest, auf eine halbe Stunde, etwa zur Mittagszeit, mit mir in's Freie zu gehen; gewiß Mama, es würde Dir wohlthun." Die Mutter schüttelte den Kopf; „„ich gehe nicht,"" sagte sie entschieden, doch zu sich selbst sagte sie, ich kann es nicht. „„Doch Du, liebes Kind, mußt heute wieder auf ein Stündchen hinaus, es hat Dir gestern sehr wohl gethan."" „Nein, Mama, wenn Du nicht gehest, gehe ich gewiß nicht!" rief Hermine lebhaft, indem eine plötzliche Röthe ihr heute etwas bleiches Gesicht bedeckte.