Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1876)
- Date
- 1876-07-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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650 3. Leidet das Thier mehr oder weniger während der Zeit, welche zwischen der Operation und dem Eintreten des Todes verfließt? I. Was den ersten Punkt betrifft, so ist der Vorzug unbestreitbar auf Seite des ritualen Schlachteus. In Wirklichkeit geschieht das rituale Schlachten, welches darin besteht, daß die Halsadern sammt der Luftröhre und dem Schlund dem passend befestigten Thiere durchschnitten werden, mit einer Leichtigkeit, einer Sicherheit und ganz besonders einer Schnelligkeit, welche nichts zu wünschen übrig lassen. Während der kaum meßbaren Zeit der Operation (1 oder 2 Sekunden) dürfte das Thier nicht mehr leiden, als wenn es einen heftigen Keulenschlag auf den Kopf erhielt, und man ist überhaupt sicher, daß man nicht nöthig hat, d^s Thier dieser Qual zweimal auszusetzen. Beim Kopfschlag dagegen, wenn er mit einem gewöhnlichen Kolben ausgeführt wird, kann die Qual zuweilen sogar in einer wirklich barbarischen Weise verlängert werden, wie ich mehrere Male Gelegenheit hatte, es mit eigenen Augen anzusehen. Genügt auch meistenstheils ein einziger Schlag, um das Thier niederzuschlagen, so muß man doch deren mehrere anbringen, um es in diesem Zustande zu erhalten. Das Gehirn des Ochsen, durch ein doppeltes, sehr starkes Knochengehäuse geschützt, empfindet nur unvollkommen die Wirkungen der Erschütterung, welche die Lähmung und der Verlust des Bewußtseins beschließt; sehr oft würde aber auch das mit der Keule geschlagene Thier wieder vollständig zu sich kommen, wenn die zweite Operation, nämlich die Oeffnung der Gefäße beim Eingänge der Brust, eine dem ritualen Schlachten völlig identische Operation, nicht die Wirkung der ersten ergänzte. II. Vergleichen wir setzt die beiden Tödtungsarten hinsichtlich der Schnelligkeit, mit welcher der wirkliche Tod eintritt. Aus dem oben Gesagten geht hinlänglich hervor, daß das auf den Kopf geschlagene Thier kein todtes Thier, sondern einfach ein gelähmtes Thier ist; erst die Verblutung bereitet dem Thiere genau denselben Tod, wie es bei dem ritualen Schlachten geschieht; folglich kann in dieser Hinsicht keine sehr große Verschiedenheit zwischen den beiden Tödtungsarten stattfinden. Es gibt zwar eine zu Gunsten des gewöhnlichen Verfahrens, diese ist aber so unbedeutend, daß es sich nicht verlohnt, Rücksicht darauf zu nehmen. III. Was die den dritten Punkt involvirende Frage betrifft, so kann sie nicht in einer völlig bestimmten Weise gelöst weroen. Wie bereits erwähnt, tritt der Tod in beiden Fällen gleichartig, d. h. durch Verblutung ein. Wenn das Thier durch den Kopfschlag vollständig gelähmt ist, so überrascht es der Tod in einem Zustande der Ohnmacht, wovon es kein Bewußtsein hat, oder wenigstens, von dem man nicht begreifen würde, daß es Bewußtsein haben kann; während hingegen beim ritualen Schlachten die Verblutung in dem Augenblicke, wo sie anfängt, bei einem Thiere geschieht, das sein volles Bewußtsein hat. Aber wie lange dauert dieser Zustand, in dem das Thier den Schmerz wahrnehmen kann? Das läßt sich schwerlich bestimmen. Man würde, es sei dies nur beiläufig bemerkt, einen schweren Jrrthum begehen, wollte man, wie es gewöhnlich geschieht, das Bewußtsein und das Leiden des ThiereS nach den wahrzunehmenden Zuckungen ermessen. Diese vollständig automatischen Zuckungen treten ebenso bei den vorher bewußtlos gemachten Thieren ein. Dieser Zustand des Bewußtseins könnte übrigens nicht lange währen. Die Verblutung an sich, in welcher Weise sie auch immer bewirkt wird, säumt nicht, den syncopalen Zustand zu bestimmen, wenn sie gleich anfangs äußerst reichlich ist. Ueberdies werden in dem besondern in Rede stehenden Falle die Carotiden, d. h. die Häuptvenen, durch welche das Blut zum Gehirne geführt wird, durchschnitten : ein neuer Grund, daß dieses sehr schnell in die Unmöglichkeit versetzt wird, seine Functionen zu erfüllen. In jedem Falle kann das durch den Blutverlust verursachte Leiden nicht als grausam betrachtet werden. Man kann dieses Leiden bei den Thieren nur danach beurtheilen, was in gleichem Umstande der Mensch empfinden würde. Man hat ja oft genug Gelegenheit, die Wirkungen des schweren Blutverlustes beim menschlichen Geschlechte zukonstatiren, und es würde überflüssig sein, hier beweisen zu wollen, daß die durch den schnellen und reichlichen Blutverlust verursachte Agonie vielleicht die am wenigsten schmerzhafte ist, die man kennt. Kurz, wenn die von den Israeliten in Anwendung gebrachte Tödtungsart einerseits dem gewöhnlichen Verfahren vielleicht nachsteht, so hat sie doch auch im Verhältniß zu diesem einen unbestreitbaren Vortheil. Nichts berechtigt uns jedoch, das rituale Schlachten als grausamer zu betrachten. Die Tödtungsart durch Blutverlust ist eine der am wenigsten grausamen, welche man kennt, und es würde gegen alle physiologischen Grundsätze sein, diese Tödtungsart unter dem Vorwände, daß sie einen Akt der Grausamkeit feststelle, zu verbieten. A. C h auve au, Professor an der k. Thierarzneischule in Lyon.