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Der Israelit · 1876-07-12 · Heft 28 (12.7.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 28 (12.7.1876)
Date
1876-07-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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648 „„Was!"" rief Sprinzchen, „„ich muß die Tafel aufheben?"" „Ja, das schickt sich so für die Frau des Hauses!" „Aber, mein Gott," schrie Sprinzchen ganz laut, „wie kann ich allein die große Tafel aufhe» bev? Die ist ja viel zu schwer für mich!" Man kann sich vorstellen, welche Mühe die Gäste hatten, den Ausbruch eines lauten Gelächters zu unterdrücken. In demselben Augenblicke stand Theodor an der Seite seiner Mutter. „Sie verzeihen, gnädige Frau," sagte er zu der mit einem Lachkrampfe kämpfenden Rathgeberin, „in jüdischen Hausern hebt die Hausfrau die Tafel nicht auf. Da wird das Tischgebet am Schlüsse des Essens gesprochen. Lieber Vater, willst Du mcht anordnen, daß „gebenscht" wird?" Das geschah sogleich, und Sprinzchens Mißverständniß beschäftigte die Gesellschaft nicht mehr. Bei allen ähnlichen Gelegenheiten hatte sich nunmehr Sprinzchen gewöhnt, hilfsbedürftig nach ihrem Sohne auszufchauen; derselbe war auch stets hilfbereit. Heute faß Sprinzchen an der Seite ihres Gatten, einen silbernen Kranz auf dem Haupte tragend. Alle Gäste kamen, um dem Jubelpaare und dem Geburtstags-Kinde an dessen Seite Glück zu wünschen. Es waren viele Gäste geladen, und Frau Hirfchfeld kannte sie nicht alle. Theodor stellte seiner Mutter die ihr Fremden vor; unter diesen befand sich ein junger, schöner Mann mit schwarzem Haar und dunklen Teint. „Herr Richard Lennoir," stellte Theodor vor, „Vertreter des Hauses Godin u. Co. in Paris." „„Ihr Sohn war so freundlich, mich zu Ihrem Familienfeste einzuladen,"" sagte der Fremde;"" „„empfangen Sie meine Glückwünsche."" „Theodor," fragte Frau Sprinzchen, „sagtest Du nicht, der Herr Löwenhaar sei aus Paris? Er spricht doch aber so gut deutsch!" „„Meine Mutter ist eine Deutsche, gnädige Frau,"" sagte Richard. „Freilich, dann ist ja das ihre Mutter- Sprache!" Richard lächelte, und wandte sich an die über das Mißverständniß ihrer Mutier erröthende Johanna , um auch ihr seine Glückwünsche darzubringen. „Warum hast Du diesen fremden Menschen eingeladen?" fragte David leise seinen Sohn. „„Ich weiß nicht,"" sagte dieser, „„ein unnennbares Etwas zieht mich zu ihm hin; ich kann mir'S selbst nicht erklären."" „Du bist stets und immer ein Sonderling." sagte der Vater. Schon kamen andere Gäste herbei, um ihre Glückwünsche darzubringen. „Ach, da kömmt der Freiherr von Solmsfeld aus Wien," rief David, als ein schöner, schlanker, junger Mann herannahte. David Hirschfeld sprang von seinem erhöhten Sitze auf und eilte dem Freiherrn entgegen. „Seien Sie mir tausendmal willkommen, mein lieber Baron!" rief er. „Wie schön, daß Sie meiner Einladung Folge geleistet haben!" Und er schüttelte ihm mit Herzlichkeit die Hand. Der Baron aber sah düster auf Richard und Johanna, die sich sehr eifrig mit einander unterhielten. Nachdem er dem Jubelpaare seine Glückwünsche ausgesprochen hatte, sagteer zu Johanna gewendet: „Darf ich mir erlauben, Ihr eifriges und gewiß sehr anziehendes Gespräch einen Augenblick zu unterbrechen, gnädiges Fräulein, um Ihnen zu Ihrem Geburtstage Glück zu wünschen?" „„Erlauben die Herren,"" fiel Theodor rasch ein, „„daß ich Sie miteinander bekannt mache; Herr Richard Lennoir aus Paris, Freiherr von. Solmsfeld aus Wien."" Die jungen Leute warfen einander wenig freundliche Blicke zu, während ihre Lippen die gewöhnlichen Höflichkeitsphrasen vorbrachten. „Dieser Franzose!" flüsterte David vor sich hin; „der verdirbt mir die ganze Freude! Wo habe ich nur dieses fatale Gesicht schon gesehen! Merkwürdig, wie wenig ich mit dem Sonderling, dem Theodor, übereinstimme!" Der geehrte Leser und namentlich die geehrte Leserin haben es gewiß längst errathen, wo David Hirschfeld das ihm so fatale Gesicht des jungen Parisers schon gesehen; denn Richard Lennoir ist Niemand anders als Binjamin Hirschfeld, welcher den Namen des verstorbenen Sohnes seiner liebevollen Pflegemutter angenommen hat. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Se Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gattsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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