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Der Israelit · 1876-07-12 · Heft 28 (12.7.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 28 (12.7.1876)
Date
1876-07-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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647 andere Mitglieder ihren Austritt aus der Gemeinde, um eine neue Har Sinai-Gemeinde zu bilden. Durch diesen beabsichtigten Austritt wäre der Bestand der alten Gemeinde gefährdet gewesen, und die Majorität fand sich veranlaßt, um die Gemeinde zu erhalten, vr. Meyer zu entlassen. Feuilleton. XX. Silberne Hochzeit! Die Neuzeit hat allerlei Feste und Freudentage geschaffen, von denen unsere Altvordern nichts wußten, so diese Fülle von silbernen und goldenen Hochzeiten, die mit mehr oder minder Pracht und Glanz gefeiert werden. Nun, wenn dabei Alles hübsch in den Grenzen des Religionsgesetzes bleibt, so haben wir nichts dagegen, so gönnen wir den guten Ehepaaren, die sich freuen, ein Viertel oder gar ein Halbes Jahrhundert in Liebe und Einigkeit verbracht zu haben, ihre Freude gern. Sieben Jahre sind seit den zuletzt erzählten Ereignissen verflossen^ David Hirschfeld und seine gute Frau Sprinzchen feiern das Fest ihres fünfundzwanzigjährigen Beisammenseins. David Hirschfeld, der jetzt schon beinahe neun Jahre in F. lebt, ist dort eine ebenso bekannte wie beliebte und hochgeachtete Persönlichkeit geworden. Seine strenge Redlichkeit im Geschäfte, feine hervorragende Wohlthätigkeit, die seinem großen Reichthume angemessen ist, seine Religiösität — das Alles hat ihm die allgemeine Achtung im hohen Grade erworben. David Hirschfeld gilt allgemein für einen überaus glücklichen Mann. Was fehlt ihm auch? Reich, geehrt, glücklich in seiner Familie, mit aller Welt in Frieden lebend — was sollte ihm fehlen? Seine gute Frau ist dieselbe einfache Sprinzchen geblieben, die sie war. Sie affectirt keine Bildung, die sie nicht besitzt, gesteht naiv, was sie nicht weiß und nicht gelernt hat, und verträgt es ohne Zorn, wenn ihre plebejische Ausdrucksweise manchmal bei ihren vornehmen und hochgebildeten Bekannten ein Lächeln hervorruft. Dabei ist sie in ihrer Weise ganz außerordentlich gut gegen die Armen, und alle diese Eigenschaften erwerben ihr die Werthschätzung aller Leute. Ihre Liebe für ihre Kinder ist ganz unaussprechlich; sie bewundert sie stets. „Solch' ein junger Mensch, wie mein Theodor, und solch' ein Mädchen, wie meine Johanne, na, so was gibt's nicht mehr," ist der gewöhnliche Refrain ihrer Redeweise. In Bezug auf Johanna, die gerade am Tage der silbernen Hochzeit achtzehn Jahre alt geworden, stimmt alle Welt mit ihr überein. Johanna ist ein schöne'«, munteres, geistvolles, gutherziges, gebildetes Mädchen, das nebenbei noch die Aussicht auf eine Million hat, lauter Eigenschaften, die alle Welt zu schätzen weiß; aber in Bezug auf Theodor ist das Urtheil der Welt nicht ein allgemein günstiges. Theodor ist klug, geschickt, gebildet, ein tüchtiger Kaufmann, ein strengreligiöser Jude, und dennoch ist er allen feinen Bekannten ein Räthsel. Theodor gilt für furchtbar geizig; er gibt für sich nicht das Geringste auS; er nimmt beim schlechtesten Wetter keine Droschke, um nach der Börse zu fahren; er raucht nicht, geht nicht in'S Kaffeehaus; kein Armer kann sich rühmen, von ihm unterstützt worden zu sein; er arbeitet mit eisernem Fleiße im Geschäfte und widmet seine Mußestunden dem Studium der Gotteslehre; aber auch gegen den Talmudjünger, der täglich zu ihm kömmt, um zu „lernen", ist er durchaus nicht freigebig; dagegen ist er im Geschäft sehr coulant und gibt armen Leuten gern etwas zu verdienen. Theodor ist immer ernst; ein geheimer Kummer scheint ihm das Herz abzudrücken. Er ist aller Welt ein Räthsel; auch seinem Vater, der nicht weiß, wohin das reiche Taschengeld geräth, das er ihm gewährt. Wir wissen wenigstens, daß ein Theil desselben nach H. in die Hände der Frau Carolina Hirschfeld fließt. Was Theodor mit dem Reste seines Taschengeldes thut, das werden wir vielleicht später erfahren. Und wenn nun Theodor aller Welt ein Räthsel ist, so ist er'S doch feiner Mutter nicht. Wenn in ihrer Gegenwart von den sonderbaren Eigenheiten Theodors die Rede ist, da pflegt Sprinzchen zu jagen: „Ihr könnt Euch darauf verlassen, was mein Theodor thut, ist recht. Ich kenne ihn besser als Ihr Alle!" — Und das einfache Sprinzchen hat Recht; das Mutterherz besitzt den Instinkt der Liebe, der selten irre führt. Wie fein wußte er die Mutter stets aus allen Verlegenheiten zu ziehen! Das gute Sprinzchen, einfacher Landleute Kind, war aus ganz engen Verhältnissen plötzlich als reiche Frau in die große Stadt, ut die feinen Kreise derselben gekommen. Wie groß war da manchmal ihre Verlegenheit! Als David Hirschfeld zum ersten Male ein großes Essen veranstalten ließ, da bat er die Frau eines Geschäftsfreundes, dem guten Sprinzchen mit Rath und Verhaltungsregeln beizustehen. Als die Mahlzeit ungefähr zu Ende war, kam die Freundin und flüsterte der Hausfrau in's Ohr: „Frau Hirschfeld, Sie müssen die Tafel aufheben!"

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