Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1876)
- Date
- 1876-07-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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629 kalten Lippen ihre Stirn. „Ich habe gefehlt, mein Kind, ich selbst, da ich Dich unsere heilige Religion nicht besser kennen lehrte. Doch ich will es wieder gut machen, gleich von morgen an — doch heute bedarf ich der Ruhe. — Gute Nacht, mein Kind J" Mit Hilfe seiner Gattin erreichte er sein Lager und legte sich nieder. Doch der Schlaf floh ihn. Wieder und immer wieder vernahm er die Worte, die seine Tochter am heutigen Abend gesprochen, und dazwischen glaubte er stets die Warnung zu vernehmen, die sein Freund Müller vor Jahren an ihn gerichtet. Rascher und immer rascher rollte das Blut durch seine Adern, wilder und wilder pochten jeine Pulse. Brennender Durst quälte ihn, er glaubte verschmachten zu müssen. Als Hermine spät am Morgen nach einer ebenfalls unruhigen Nacht ihr Zimmer verließ, trat die Mutter mit bleichem, verstörtem Antlitz ihr entegen. Werner lag im Fieber, dem Anscheine nach ewußtlos; der Ärzt hatte strengstens Ruhe empfohlen — Hermine stand betroffen, sprachlos da. Sie hatte den Vater auf's Krankenlager geworfen, sie fühlte es — ihr Schuldbewußtsein überwältigte sie, sie schlug die Hände vor's Gesicht und brach in ein lautes Schluchzen uus. „Kind, Kind, um Gotteswillen fasse Dich, beruhige Dich," bat die Mutter, „es wird ja mit Gottes Hilfe nicht so gefährlich sein." Doch Hermine war nicht im Stande, sich zu mäßigen. „„Meine Schuld ist's,"" schluchzte sie, „„meine! o ich überlebe es nicht."" „Was fällt Dir ein?" tröstete die Mutter, „von Schuld kann hier nicht die Rede sein. Schon seit mehreren Wochen tritt der Typhus hier epidemisch auf, der Arzt hat es mir erst soeben erklärt, und eben deßhalb fürchtet er für Deinen armen Vater. Mache Dir doch nicht so selbstquälerische Gedanken." „„Darf ich hineingehen?"" fragte Hermine, mit Gewalt die Thränen zurückdrängend. Die Mutter zuckte die Achseln, doch Hermine ließ sich nicht zurückhalten; es duldete sie nicht, sie mußte wenigstens den Vater sehen. Schwankenden, unhörbaren Schrittes trat sie zum Krankenbette. — Da lag ihr Vater, die fieberglänzenden, rollenden Augen auf sie gerichtet, ohne sie zu erkennen , ohne die Thränen, die die bitterste Reue ihr auspreßten, zu gewahren — denn, was auch der Arzt, was auch die Mutter sagte — ihre Schuld war es — sie fühlte es. — Tag um Tag verging, ohne daß in dem Zustande des Kranken eine Aenderung, geschweige denn eine Besserung eintrat. Hermine verging fast vor Angst, sie theilte mit der Mutter des Vaters Pflege und war nicht zu bewegen, das Krankenzimmer zu verlassen. ES war an einem Hellen, sonnigen Wintertag, selbst durch die geschlossenen Jalousien drangen die leuchtenden Strahlen, besorgt ruhten die Augen der Mutter auf dem bleichen Antlitz der Tochter. „Ich bitte Dich, liebes Kind, gehe auf ein Stündchen in's Freie; der Arzt hat es mir auf die Seele gebunden, Dich nicht beständig hier im Zimmer zu dulden, und wenn Papa es wüßte —" Hermine seufzte schmerzlich; eine Thräne glitt langsam über die marmorblasse Wange. „Gehe, mein Kind, gehe," bat die Mutter und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Hermine erhob sich langsam. „„Da Du es so sehr wünschest, will ich auf die Promenade gehen." " „Solltest Du nicht eine Deiner Freundinnen um ihre Begleitung bitten?" „„Ich bin zur Unterhaltung nicht aufgelegt; Gesellschaft würde mir lästig sein, ich gehe am liebsten allein."" „Mache es wie Du willst, nur gehe. Die Luft wird Dir wohlthun, es ist heute ein herrlicher Tag, vielleicht triffst Du auch eine oder die andere Deiner Bekannten." Hermine trat zum Bette des Vaters, der schon seit mehreren Togen in einer Art von Schlummer oder vielmehr von Betäubung dalag — sie neigte sich über ihn, eine Thräne fiel auf die glühende Hand des Kranken. Er fuhr zusammen und öffnete auf einen Moment die Augen. Hermine war es, als habe er sie erkannt. Doch las sie in seinem Blicke nur Vorwurf und nicht Milde — von ihren Gefühlen übermannt, stürzte sie hinaus. Hastig hüllte sie sich in ein wärmeres Ueberkleid, drückte das zierliche Hütchen in die Stirn und eilte in's Freie. Die langentbehrte, frische, reine Luft umfächelte milde die klopfenden Schläfen, die glühenden Wangen und wirkte beruhigend auf das erregte jugendliche Gemüth. Je weiter sie schritt, desto wohler ward es ihr; der Druck, der seit nahezu drei Wochen auf ihrem Herzen gelastet, schwand, sie fühlte sich wieder leicht und frei. Zum ersten Mal sagte sie sich, was die Mutter ihr so oft wiederholt, daß es doch unmöglich ihre Schuld sein könne, daß der Vater von der jetzt herrschenden Epidemie befallen, und seltsam, gerade der Umstand, daß sie in dem Blicke des Vaters einen Vorwurf zu lesen geglaubt, gerade der stählte sie nun gegen ihre bisherige Selbstanklage. — Was hatte sie denn eigentlich auch gethan? mit Erlaubniß ihrer Mutter eine Gesellschaft besucht — wer konnte ihr das als Unrecht anrechnen? — Und dann später in den Erör-