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Der Israelit · 1876-07-05 · Heft 27 (5.7.1876) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 27 (5.7.1876)
Date
1876-07-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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630 terungen mit ihrem Vater, da hatte sie doch nur abwesende Freunde vertheidigt; war es denn ihre Schuld, daß ihr Vater durch ihre Vertheidigung sich verletzt gefühlt? Nein, nein und abermals nein! ihr Gewissen sprach sie frei. — Trotzdem fuhr sie zusammen und wünschte sich weit hinweg, als eben in diesem Moment Bertha Hartung mit freundlichem Gruße auf sie zutraß In sichtlicher Verwirrung erwiederte sie den Gruß. Doch das kümmerte die Freundin nicht. „Wie geht es Dir, beste Hermine? und was macht Dein guter Papa?" „„Leider noch immer nicht besser,"" erwiderte Hermine mit tiefem Seufzer. „Armes, armes Kind," versetzte Bertha, indem sie sie in eine stillere Seitenallee zog, „was mußt Du in diesen Tagen gelitten haben, man sieht es Dir an. Euer Arzt erzählt es überall, daß Du Dich förmlich aufopferst bei der Pflege Deines Vaters. Es ist wohl heute zum erstenmal, daß Du das Haus verlassen?" Hermine neigte bejahend das Haupt; die Theilnahme der Freundin, gerade dieser Freundin, die ihr Vater f> hart beurtheilte, that ihr unendlich wohl; schweigend drückte sie ihr die Hand. „Wenn. Du nur wüßtest, wie innig wir Alle Antheil nehmen an der schweren Erkrankung Deines guten Papa's. Papa und Mama hätten schon gern zu Euch geschickt und sich nach seinem Befinden erkundigen lassen. Doch bei der bekannten, so überaus rigorosen Anschauung Deines Papa's fürchteten sie, mit ihrer Erkundigung nicht gelegen zu kommen." Hermine erröthete über und über, wollte einige Worte erwidern; doch Bertha unterbrach sie. „Siehst Du dort, wo die Wege sich kreuzen, den Grafen Staremberg?" flüsterte sie, „ich glaube, er hat uns erkannt — richtig, er kommt direkt auf uns zu." Die Gluth in Herminens Wangen steigerte sich noch, alle ihre Pulse klopften laut, unwillkürlich zog sie den Schleier, den sie vorhin zurückgeschlagen, wieder über ihr glühendes Antlitz. Wenige Sekunden und Gras Staremberg stand, sich tief verneigend, vor den jungen Mädchen. Seine Ansprache galt Bertha, die er schon seit längerer Zeit kannte, doch sein Auge ruhte in verzehrendem Feuer auf ihrer Begleiterin. Bertha, hochersreut, einen so vornehmen Cavalier und ausgesprochenen Weiberhasser an ihrer Seite zu sehen, suchte ihn zu fesseln. Sie erzählte, daß sie seit dem Weihnachts-Abend soeben zum erstenmal ihre Freundin Hermine getroffen, da deren Vater schwer darniederliege und Hermiue in kindlicher Liebe das Krankenbette nicht habe verlassen wollen; auch heute habe sie vermuthlich nur moralischem Zwange nachgegeben. „Sie sehen in der That angegriffen aus, Fräulein Werner," sprach der Graf im Tone innigster Theilnahme, „dürste ich mir wohl erlauben," fuhr er zögernd fort, „Sie zu bitten, inständigst zu bitten, um Ihrer Freunde willen Ihre Gesund- > heit zu schonen." erwiderte Hermine verlegen lächelnd, „„meine Anstrengung ist nicht so gar'groß."" Langsam setzten sie ihren Weg fort, Graf Staremberg blieb an ihrer Seite, d. h. an Bertha's, obwohl er sich fast ausschließlich mit Hermine unterhielt. — Und Hermine vergaß an Alles, an den kranken Vater, an ihre bisherigen Selbstvorwürfe und auch an das muthmaßliche Gerede der Leute, wenn sie die Tochter des strengreligiösen Werner in Gesellschaft der getauften Jüdin und des adeligen Cavaliers auf öffentlicher Promenade erblicken würden. — Sie sah nur den Grafen, den hochgeborenen Aristokraten, den eleganten, blendend schönen Mann, dessen stadtbekannter Weiberhaß ihrem Liebreiz gegenüber nicht Stich gehalten hatte. Sie hatten die stille Seitenallee, in der sie sich befanden, schon wiederholt durchschritten, ohne auch nur einem Menschen begegnet zu sein. Graf Staremberg, dessen Absichten lauter, hätte um keinen Preis den Ruf des Mädchens, für das er 'ich bereits lebhaft interessirte, compromittiren wollen, und darum schweifte fein Blick stets nach allen Richtungen, um sich zu vergewissern, daß Niemand sie gewahre. Hermine schwamm in einem Meer von Wonne; an Huldigungen gewöhnt, hatte doch noch keine sie so aussprechlich beglückt, wie die Aufmerksamkeit des Grafen. Ihre Unterhaltung, geistvoll und trotz ihrer Jugend nicht selten übersprudelnd in sarkastischem Humor, fesselte den Grafen mehr und mehr; er war schon jetzt entschlossen, um ihre Hand anzuhalten, und Hermine hätte sie ihm sicherlich schon jetzt nicht verweigert. Eine volle Stunde war bereits verflossen, der kurze Wintertag neigte sich zu Ende, Bertha mahnte an den Heimweg. „Ach mein Gott, schon so spät!" rief Hermine, „Mama wird mich längst erwarten." Der Graf wiederholte dringend seine frühere Bitte, sie möge ihre Gesundheit schonen, und Bertha. erfreut, in dem entstehenden Verhältniß ihrer Freundin die Vertraute zu spielen, forderte sie auf, morgen zur selben Zeit sich wieder in der Promenade zu treffen; denn es sei doch unverantwortlich, durch Entziehung frischer Luft ihr Wohlsein zu gefährden. Hermine begegnete Starembergs bittendem Blick, erröthete und sagte zu. Als sie das

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