Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1876)
- Date
- 1876-07-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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627 haben einen großen Antheil an den Fortschritten, welche die Äelt gemacht hat und immer weiter macht. Reibe schöpfen ihre bewegende Macht, das Capital, aus der Börse, dem Kapitalmärkte. Ich will die Ausschreitungen gewiß nicht in Schutz nehmen, allein sie rächen sich selbst, die Gründer mit ihren trügerischen Anpreisungen und haltlosen Schöpfungen sind größtentheils wieder in das Nichts zurückgesunken, aus dem sie empor gestiegen waren, allerdings nicht ohne Tausende von Familien ins Verderben zu ziehen; diese Letzteren sind aber nur das Opfer ihrer eigenen verwegenen Spiel- und Gewinnsucht geworden. „So wenig die Preßfreiheit an und für sich durch Mißbrauch, durch schamlose Bücher und Preßpiraten für Sie und jeden Gebildeten ihren Werth einbüßen kann, so wenig können Handel und Börse durch Schwindel und Betrügereien Einzelner ihre hohe Bedeutung für das Allgemeine verlieren. Sicherlich, Reichthum schändet nicht, wenn er ehrlich erworben ist. und Armuth macht nicht glücklich, sie möge eine selbstverschuldete oder auch unverschuldete sein. Beurtheilen wir daher jeden Menschen nach seinem persönlichen Werth, nicht nach seinen Glücksgütcrn. Entschuldigen Lie diese Abschweifung, di? nur d-n Zweck hat zu zeigen, daß Kaufmann und Betrüger keine Synonymen sind, und daß man den Juden keinen Vorwurf über ihre Vorliebe für den Kaufmannsstand machen kann, und kehren wir zu unserem eigentlichen Thema zurück. „Sie halten den Reform-Juden für gebildet den orthodoxen für unwissend und ungebildet, doch wohl nur, weil Sie mit gebildeten" reformistisch gesinnten Städtern und unwissenden orthodoxen Landjuden in Berührung gekommen sind. Wenn Sie die letzteren jedoch genauer betrachten, werden Sie ihnen eine gewisse Herzensbildung nicht absprechen können, werden Sie neben manchem Schatten auch Licht, vielleicht mehr Licht bemerken, als Sie zu erwarten berechtigt sind, werden Sie solche keineswegs schlimmer finden, als ihre Nachbarn in ihren ländlichen Wohnsitzen. Die jüdische Orthodorie hat aus ihre Fahne geschrieben: „das Gottesgesetz im Verein mit Bildung"; es ist dies keine Devise, die erst die Neuzeit erdacht, sie ist vielmehr schon im Talmud vorgeschrieben. Allerdings ist es den Juden in den Zeiten des Druckes nicht möglich gewesen, an den allgemeinen Bildunzsbestrebungen theilzunehmen; ihr Bildungstrieb hat aber darum nicht stillgestanden, er hat unterdeß in dem Studium der Religionsschriften Nahrung gefunden. Als sich ihnen die Möglichkeit bot, ihr Wissen zu vermehren, haben Viele diese Gelegenheit mit einem Eifer erfaßt, der sie auch dem väterlichen Glauben entfremdete. Kein Wunder,! daß der diesem Glauben treugebliebene Theil die Bildung als zum Abfall führend bekämpfte, bis er seinen Jrrthum einsehend zudem richtigen Prinzip, die gewissenhafte Beobachtung unserer Gotteslehre mit' Bildung zu vereinigen, zurückkehrte. Diese Vereinigung ist es, die die Zukunlt des orthodoxen Judenthums sichert und die orthodoxen Juden in den Stand setzt, als würdige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu erscheinen und an allen höheren und edlen Bestrebungen gleichberechtigt theilzunehmen. „So wenig aber der Glaube „an eine bej sondere Vorliebe Gottes für ein Volk", wovon I jeder Einzelne gewissermaßen durch die Geburt schon geadelt sei, und dem das göttliche Wohlgefallen auch gar nicht fehlen könne, selbst wenn das Sittengesetz verletzt werde, je der Grundgedanke des alten Judenthums war. noch ist, so wenig können wir uns als schon durch die Geburt zu Parias bestimmt betrachten oder ansehen lassen. Mögen wir semitischer oder arischer Abstammung, mögen wir gebildet oder ungebildet sein, mögen wir mit * den Römern schon in's Land gekommen sein oder auch erst später, das bleibt sich gleich, wir sind Deutsche, wir sind bildungsfähig, wir theilen schon i seit Viels» Jahrhunderten alle Leiden unseres Ba- > terlandes — an den Freuden wurde uns die Theil-? nähme schon weniger gestattet — wir fühlen, daß wir nicht von geringerem Werthe, daß wir nicht j von schlechterem Materiale wie andere Menschen! sind, und so fordern wir, wir mögen Reform- oder j orthodoxe Juden sein, daß man uns nicht allein die gleichen Rechte, sondern auch den gleichen An- I sprach auf den gesellschaftlichen Verkehr mit Andersgläubigen zuerkenne. „Wir wollen dadurch diesen gesellschaftlichen Verkehr nicht erzwingen, wir wollen uns Niemandem aufdrängen, allein wir wollen auch nicht ausgeschlossen sein. Von Ihnen, verehrter Herr | Dr. Kolkmann, bin ich überzeugt, daß Sie nunmehr,! wenn Sie einen Juden Ihres gesellschaftlichen Ver-! kehrs würdigen wollen, keine Rücksicht darauf neh-! men, ob er der reformistischen oder orthodoxen j Richtung angehört. I „Noch eins fühle ich mich verpflichtet hinzu- ' zufügen. Indem ich unseren Ansichten rmt der! Wärme Ausdruck gab, die meinen Gefühlen ent-; sprach, hatte ich nicht den Beweis zu führen versucht, daß solche richtig sind, sondern daß sie rich-! tig sein können, daß sie nicht fehlerhafter, daß sie! nicht schlechter sind, als die Ansichten Anderer,; mehr habe ich nicht bezweckt; ich will meine Anj sichten Niemandem aufdrängen, so wenig ich mir j von Anderen etwas aufdrängen lasse.