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Der Israelit · 1876-07-05 · Heft 27 (5.7.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 27 (5.7.1876)
Date
1876-07-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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626 gegengesetzter Ansicht mit Ihnen. Sie finden es anerkennenSwerth, daß ein Jude darüber lachte, daß ein katholischer Casinovorstand einen Dispens für ein Festessen bei seinem Bischof einholte. Sie als Christ mögen darüber denken und sich darüber äußern ganz nach Ihrem Belieben, für einen Juden wäre eine solche Aeußerung, gelinde gesagt, nicht anständig. Wir verwerfen auch, wie bereits dargethan, den Dispens des Geistlichen, allein wir sind darum noch nicht berechtigt, über Andere, die einen solchen Dispens für nöthig halten, zu lachen. Lassen wir jeden nach seiner Weise selig werden, ohne ihn deshalb zu bespötteln oder auch nur zu bekritteln, wir verlangen dagegen auch, daß man uns, wo unsere religiösen Auffassungen von Anderen nicht getheilt, ja vielleicht für lächerlich gehalten werden, unbehelligt und, ich möchte es ganz offen sagen, auch unbespöttelt läßt. „Eine Grenze gibt es, die jede Religion und ihre Bekenner anerkennen müssen, das ist das Gesetz und die Sittlichkeit, wo aber beides nicht in Betracht kömmt, erfordert die Toleranz, einen Jeden gewähren zu lassen, ohne ihn rn irgend einer Weise zu verletzen. Ich möchte Ihnen auch einen Beweis für meine Ansicht erbringen. Sie sind Christ und, wie es scheint, gläubiger Christ; was würden Sie dazu sagen, wenn irgend ein Freigeist unter Berufung auf Carl Vogt'oder einen anderen Naturforscher die Religionen und somit auch Ihren Glauben als ein Menschenwerk und dazu noch als ein ganz ungeschicktes, verfehltes erklären würde; wären Sie dann nicht auch in >>hrem Innern verletzt und vielleicht gar an einer recht schmerzlichen Stelle? Darum, verehrter Herr, laßt uns Nachsicht miteinander haben und dünke sich Keiner über den Anderen erhaben, es gibt eine Stelle, wo auch er verwundbar ist. „Ich erlaube mir, noch eine Frage zu beantworten, die Sie gar nicht gestellt, die Sie aber stellen könnten, und die Ihnen beim Lesen dieser Blätter sicherlich auf der Zunge schwebt; sie ist: „Theilen Sie den Messiasglauben, uud wie wollen Sie damit die Anhänglichkeit und die Pflichten gegen Ihr deutsches Vaterland vereinbaren?" Ich antworte frei und offen darauf: Ich theile ihn vollständig und befürchte dennoch keine Collision mit meinen Pflichten als Deutscher. Vergessen Sie nicht wie der Prophet Jesaias diese Messiaszeit schildert. Die Völker, sagt er, werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Rebmessern umschmieden, kein Volk wird gegen das andere mehr ein Schwert zücken und sie werden die Kriegskunst nicht mehr erlernen. Wenn solche ideale Zustände eintreten, und möge der Zeitpunkt dafür lieber heute als morgen sein, dann hört die Zwietracht zwischen den Nationen, dann hört der bewaffnete Friede auf und der wirkliche, himmlische Friede tritt dafür ein. Dann aber wird sich sicherlich auch ein Plätzchen für die wiedererstandene jüdische Nation finden, dann wird sie nicht unter Streit und Kampf, sondern unter allgemeinem Einverständnisse ihre Stelle unter den Nationen wieder einnehmen. Bis dahin aber ist das Judenthum nicht unsere Nationalität, sondern unsere Religion, sind wir Deutsche mit jeder Faser unseres Körpers, mit jedem Gedanken unserer Seele, hängen wir an rtnserm Vaterlande mit «iner Liebe, die gegen die anderer Deutschen keineswegs zurücksteht, nehmen wir aber auch alle Rechte eines Deutschen in Anspruch und werden jedem Versuch, unser Recht zu verkümmern, aufs Entschiedenste entgegentreten und rechnen wir dabei, wenn es nöthig werden sollte, auf Ihre Hilfe und auf die Ihrer Gesinnungsgenossen. „Sie haben vollkommen Recht, werther Herr Dr. Kolkmann, wenn Sie auf den Einwand, daß man Ihnen ohne Schwierigkeit ein Paar Namen notorisch unreeller Kaufleute nennen könnte, keinen Werth legten. Ich erlaube mir noch hinzuzufügen, paß es ein unwiderleglicher Beweis für den inneren guten Kern der Juden biloet, daß man nur einzelne Namen bezeichnen kann, während die Gesammtheit schon seil anderthalb Jahrtausenden rechts- und schutzlos herumgeworfen worden, ein willenloses Opfer jeder Erpressung und Gewaltthat; daß wir trotzdem nur ein geringes Contingent der Verbrecher liefern, ist ein schlagender Beweis für das in uns wohnende Rechtszefühl. „Ich habe mir erlaubt, als orthodoxer Jude für meine religiöse Ueberzeugung in die Schranken zu treten, gestatten Sie mir als Kaufmann auch einige unrichtige Auffassungen des kaufmännischen Berufs zu berichtigen. Sie und auch das Gesetz gehen von der Ansicht aus, daß der Kaufmann auf Unreellität angewiesen sei, daß er sich berechtigt glaube, die Vorzüge seiner Waaren über Werth anzupreisen, ihre Mängel zu verschweigen, und daß er auch demgemäß handle. Dem ist aber nicht so und würde eine solche Handlungsweise den Kaufmann rasch ruiniren, nur durch die größte Wahrheitsliebe kann der Kaufmann sich Kundschaft erwerben und erhalten. Rechtlichkeit ist für denselben nicht allein eine Pflicht, sondern auch das beste Handelsprinzip. Selbst die Börse, die augenblicklich sehr im Argen liegt, ist nicht so die Stätte des Schwindels und des Betrugs, wie es dem Fernstehenden erscheint. Der Handel ist nicht allein die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, sondern er schafft das Letztere auch mit Absicht und Willen. Handel und Industrie

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