Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1876)
- Date
- 1876-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XVII. Jahrgang. Erste Leilage zu Ar. 27 des Israelit. Leitender Artikel. Pie gesellschaftliche Stellung der Inden. (Schluß.) „Was» nun den Gebrauch der hebräischen Sprache für den Gottesdienst betrifft, so ist dieselbe ganz besonders für diesen Zweck geeignet, eben deßhalb, weil sie unsere Muttersprache, unsere Umgangssprache nicht ist und daher unsere volle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, dafür aber auch unsere Andacht anregt, und endlich weil durch deren Gebrauch der Gottesdienst für die in alle Welttheile z—streuten Juden ein gleichmäßiger und einheitlicher wird. Die hebr. Sprache ist darum uns doch nur verständlich, wenn wir sie regelmäßig erlernt haben, für die Schule aber ist der Unterricht dieser Sprache kein Nachtheil, sondern kann, wie die sog. klassischen Sprachen, denen sie an Reinheit der Form, an Regelmäßigkeit der Wortbildung, an Tiefe und Erhabenheit sicherlich nicht nachsteht, von dem einsichtsvollen Lehrer mit großem Vortheil verwerthet werden. „Die Sprache unseres Denkens und Dichtens, die Sprache unserer Liebe und Anhänglichkeit, die Sprache, mit der wir mit jedem Nerv unseres Seins verwachsen sind, bleibt für uns deutsche Juden unsere Muttersprache, unsere schöne deutsche Sprache und ich glaube hinzufügen zu dürfen, daß wir sie auch zu gebrauchen wissen. Fragen Sie die Lehrer' der verschiedensten Schulen, und sie werden Ihnen sagen, daß die jüdischen Schüler nicht gerade die schlechtesten sind, namentlich in Stilübung und in dem richtigen Gebrauch der Sprache. Daß der mündliche Ausdruck insbesondere der älteren Generation zu wünschen übrig läßt, will ich nicht in Abrede stellen, aber es ist dies weder specifisch jüdisch, noch ganz besonders orthodox jüdisch, es sind dies eben Eigenthümlichkeiten, die Sie in mancher Stadt finden, so z. B. in meiner Vaterstadt Frankfurt a. M. Ich kenne viele ältere christliche Herren, welche die Endsilben oder Endbuchstaben mit einer Consequenz weglassen, die einer besseren Sache würdig wäre. Der verbesserte Jugendunterricht wird eben auch diesem Uebelstand abhelfen. „Ich wage noch weiter zu gehen und ohne die Befürchtung, auf lgroßen Widerspruch zu stoßen, zu behaupten, daß wir auch einiges Verdienst um die deutsche Sprache haben. Während der große Friedrich, der so viel für sein Volk gethan, die deutsche Sprache nicht für befähigt hielt, einem guten Gedanken einen eleganten Ausdruck zu geben und sich daher mit Vorliebe der französischen Sprache bediente, hat ein unansehnlicher und verwachsener Jude. Mose. Mendelsohn, gezeigt, wie reich, wie biegsam unsere deutsche Spräche sei, wie geeignet, auch die höchsten Gedanken gewandt und klar wiederzugeben, er hat sich bestrebt, die deutsche Sprache den fremden ebenbürtig zu machen, und sein Freund Lessing mit seiner noch nicht überirofienen Gewandtheit in der Handhabung der Sprache hat dies Streben zun? Siege geführt. Wenn wir bedenken, daß man selbst an den deutschen Fürstenhöfen und in den höchsten Gesellschaftskreisen sich vielfach der französischen Sprache selbst für den gewöhnlichen Umgang bediente,, daß die Gelehrten die deutsche Sprache bevorzugten, darf man dies Streben und diesen Erfolg nicht gering anschlagen. Und Moses Mendelsohn war ein orthodoxer Jude und dennoch hat ein deutscher Fürst seinen Vorträgen gelauscht. Ich brauche Ihnen wohl die stattliche Reihe deutscher Schriftsteller jüdischer Religion nicht mit Namen vorzuführen, Sie kennen sie aus der deutschen Literatur, und dabei waren denselben zum Theil die höheren Bildungsanstalten nicht oder nur schwer zugänglich. „Wenn Sie dem orthodoxen Judenthum den leisen Vorwurf machen, daß es Vieles mit dem römischen Katholicismus gemein habe, so liegt für viele Ihrer Glaubensgenossen hierin kein Vorwurf, in der That ist dem aber nicht so, es ist bei uns nicht allein Niemand unfehlbar, es hat auch Keiner die Kraft zu lösen und zu binden, es kann uns Niemand Dispens ertheilen, unsere Rabbiner sind nur unsere Lehrer, unsere Rathgeber in religionsgesetzlichen Angelegenheiten, allenfalls unsere Prediger, ihr Ansehen beruht nur auf der größeren Kenntniß der Religionsschriften, und dem untadelhaften, sittenreinen Charakter; wo diese Erfordernisse fehlen, schwindet auch das Ansehen, und jeder Laie kann und darf ihnen entgegentreten mit dem Religionsgesetze in der Hand. Dispense kann nur der Arzt ertheilen, wenn er erklärt, daß Gefahr vorhanden, oder auch jeder sich selbst, wenn sein oder Anderer Leben in Gefahr ist und diese Gefahr nur durch sofortiges Handeln beseitigt werden kann. „In einer Beziehung bin ich jedoch ganz ent-