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Der Israelit · 1876-07-05 · Heft 27 (5.7.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 27 (5.7.1876)
Date
1876-07-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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624 „„Ich glaube es; ich weiß nicht, wieso man wissen könnte, wie ich in dieses Haus gelangt bin."" „Und wie sind Sie hereingekommen?" „„Ich bin über die Dachfirst geklettert und dann durch ein Dachfenster hereingestiegen."" „Armer, junger Mann!" rief Amelie bedauernd. „Welche ein Wagestück, und noch dazu in finsterer Nacht!" „„Amelie,"" sagte die Dame, „„bereite Dir ein Bett in meinem Schlafzimmer, und laß den Herrn diese Nacht in Deinem Zimmer schlafen."" Amelie ging hinaus, um den erhaltenen Weisungen Folge zu leisten. „Sie werden Hunger haben, Herr Hirschseld?" fragte die Damc. „„Nichtdoch, Madame, ich habe kurz vordem Eintritt der Katastrophe soupirt."" „Desto besser, denn ich könnte Ihrem Appetite nicht Genüge leisten. Ich bin eine einzelne Frau und halte mit einem christlichen Mädchen Haus. Die Speisen erhalte ich von einer Restauration zugesandt." „„Ah, Sie sind Jüdin, Madame? Jüdin und Deutfche? Welche ein glücklicher Zufall, der mich gerade zu Ihnen führte."" „Sagen Sie lieber: es ist eine wunderbare Fügung der Vorsehung! Sie werden daS begreifen, wenn ich Ihnen mittheile, daß ich einst die Braut Ihres Vaters gewesen bin. Ich bin in F. geboren und heiße mit meinem Mädchennamen Emilie Schwarzenau; ich war mit Ihrem Vater verlobt, der unser Verhältniß abbrach, als er in M. Ihre Mutter kennen lernte." „„Und Sie, edle Frau, erweisen Gutes dem Sohne dessen, der Ihnen so wehe gethan?"" „Du sollst Dich nicht rächen und keinen Haß nachtragen, lautet Gottes Gebot. Und außerdem, was können Sie für die Schuld Ihres Vaters? Es sollen nicht sterben die Söhne um der Väter willen, lehrt die heilige Schrift. Aber, wenn ich Gelegenheit gehabt hätte, Ihrem Vater Gutes zu erweisen, ich hätte keinen Augenblick gezögert." Amelie kam herein und meldete, daß sie unten gewesen, um sich zu überzeugen, ob noch Gefahr zu befürchten sei. „Man hat Fackeln herbeigeholt," erzählte sie, „und hat dann das Dach des Nachbarhauses bestiegen. Da man den Gesuchten nicht fand, jo glaubte man, er sei hinuntergestürzt. Morgen will man nach der Leiche suchen. Die bösen Polizisten behaupten, es sei ein Falschmünzer, den sie suchen. Das sagen sie aber nur, um sich den Beistand des Publikums zu sichern. Der Herr sieht mir nicht aus, wie ein Falschmünzer. Ich habe im Theater du Gymnase das hübsche Stück „die Falschmünzer" gesehen; wissen Sie, Madame, das Stück, bei welchem ich so viel weinen mußte, daß meine Augen den andern Tag ganz roth warem Da habe ich gesehen, wie man sich die Falschmünzer zu denken hat: Männer mit verwildertem Haar und verzweifelten Gesichtern. Aber der schöne, feine, junge Herr — der sieht ganz aus wie ein Politisch- Verfolgter. Mein Bruder . . . ." „„Liebe Amelie,"" unterbrach sie ihre Herrin, „„willst Du nicht . . „Die Betten bereiten, sogleich, sogleich!" Und sie eilte hinaus. Frau Lennoir, so hieß die Beschützerin Binjamins, ließ sich nun von diesem ausführlich seine Erlebnisse erzählen, bis Amelie zurückkehrte und meldete, daß Alles bereit und '.r Ordnung sei. Binjamin dankte noch einmal mit innigen Worten seiner Retterin; dann suchte er das für ihn bereitete Lager auf und schlief, nach den furchtbaren Anstrengungen des Abends, bald ein. Bei Frau Lennoir aber wollte der Schlaf lange nicht einkehren; die wunderbaren Erlebnisse dieses Abends und die Erinnerungen an ihre Jugend regten sie furchtbar auf. Als Amelie schon längst eingeschlafen war, lag ihre Herrin noch wachend auf ihrem Lager. „Gott," sprach sie vor sich hin, „wie wunderbar sind Deine Wege! Wie war ich doch der Verzweiflung nahe, als mein Gatte starb und bald nachher mein einziges Kind! Du aber, Allbarmherziger, Du verliehest mir Kraft, den Kummer zu überwinden. Und nun hast Du mir einen Sohn geschickt, ja, einen Sohn! Der arme Junge ist nicht schlecht; er ist nur schlecht erzogen und später ist er verführt worden. Ich will ihm nicht nur die Freiheit und das Leben gerettet haben; ich will unter göttlichem Beistände ihn geistig heben und sittlich bessern. £> Herr, mein Gott, schenke Du mir Gelingen, gib Du dazu Deinen Segen!" Mit diesem Gedanken schlief die Edle ein, und schöne, liebliche Träume verhießen ihr das Gelingen ihrer Pläne. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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