Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1876)
- Date
- 1876-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447670--12668-2468503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
623 über Geschichte u. s. w. und zwar durch den Professor Felix Adler abhalten lassen will. (Jew. Times.) Feuilleton. Diujamin. XIX. In großer Aufregung war das Dienstmädchen dem jungen Manne, der mit zerrissenen beschmutzten Kleidern, mit blutigen Händen in das Zimmer ihrer Herrin sich dieser zu Füßen gestürzt hatte gefolgt. Die Dame aber, von der Scene zwar auf's Aeußerste überrascht, hatte dennoch ihre Geistesgegenwart nicht verloren. „Hast Du die Vorthüre wieder verschlossen, Amelie?" fragte sie das hereintretende Mädchen. Dieses hatte allerdings die Thüre in der Verwirrung aufstehen lassen; es ging hinaus, um sie zu schließen. Als die Dame mit dem jungen Manne allein war, sagte sie in deutscher Sprache — Binjamin hatte in seiner Herzensangst seine Bitte in den gewohnten Lauten der Muttersprache ausgestoßen — zu dem ihr noch immer zu Füßen Liegenden: „Stehen Sie doch auf! Sie sind ein Deutscher?" „„Ja, gnädige Frau, ein Fremder im fremden Lande! £), retten Sie mich!"" „Soll ich Sie verbergen?" „„Ich glaube nicht, daß man mich hier suchen wird. Wenn Sie mir nur gestatten wollten, hier in Ihrer Wohnung zu bleiben!"" „Man verfolgt Sie?" „„Die Polizei sucht mich im Nachbarhause; wenn ich ergriffen würde! O, Gott, meine arme Mutter!"" „Sie sind ein politisch Verfolgter?" „„Nein, gnädige Frau, nicht das; ich will Sie nicht belügen; ich bin nicht unschuldig. Ich habe mich gegen die Gesetze vergangen; ich habe falsches Geld ausgegeben! Wenn man mich ergriffe, man würde mich zum Zuchthaus verurtheilen!"" „So jung und schon . . . ." „„Ein Verbrecher, wollen Sie sagen! O, gnädige Frau, wenn Sie wüßten, was ich schon erduldet , schon in früher Jugend unschuldig gelitten habe, Sie würden mir Ihr Mitleid nicht versagen."" „Woher sind Sie?" „„Aus P. am Rhein."" „Ihr Name?" „„Binjamin Hirschfeld."" „Sind Sie ein Verwandter von Philipp Hirschfeld?" „„So hieß mein Vater!"" „Nicht möglich! Sie ein Sohn Philipp Hirschfelds, ein Enkel des reichen Salomon Hirschfeld?" „»Ja, gnädige Frau, ich, der Enkel eines der reichsten Männer, mußte zum Verbrechen meine Zuflucht nehmen, um nicht Hunger zu leiden!"" „Aber das klingt ja ganz fabelhaft." „„Mein Vater starb; er stürzte aus dem Wagen, vor welchem die Pferde durchgegangen waren; in der darauffolgenden Nacht starb mein Großvater; ein Testament wurde nicht vorgefunden. Meine Mutter und ich, wir wurden von der Erbschaft ausgeschlossen, und das große Vermögen ging an einen Cousin meines Vaters über."" Sinnend saß die Dame da; sie winkte Binjamin, auf einem Stuhle Platz zu nehmen. „Ja," sagte sie nach einer Pause, „ich kann mir's jetzt erklären; ich habe davon gehört, daß Ihr Großvater Ihren Vater legalisiren lassen wollte, bevor ich ... . Wunderbar sind die Wege der Vorsehung. Ich kannte Ihren Vater, junger Freund, und stand ihm einst sehr nahe. Ich will Sie retten, mein Lieber. Ich muß meine Dienerin in's Vertrauen ziehen; ich werde Sie für einen politischen Flüchtling ausgeben. Das wird Ihnen ihre Sympathien gewinnen und uns ihre Verschwiegenheit sichern." Die Dame berührte ein silbernes Glöckchen, das vor ihr auf dem Tische stand. Auf den lauten, durchdringenden Klang des Glöckchens erschien die Dienerin. „Amelie," sagte die Dame, „dieser junge Mann da hat gegen die Regierung conspirirt. Man verfolgt ihn, und wenn man ihn fängt, wird man ihn auf die Galeeren oder nach Neucaledonien schicken." „„Wir müssen ihn retten, Madame,"" rief die lebhafte Französin. mein armer Bruder, Sie wissen, Madame, er ist in den Colonien dem Klima erlegen, und zählte erst 25 Jahre, und hatte doch nichts gethan als daß er sich einem Vereine angeschloffen . . „Still, Amelie," sagte die Dame, „davon ein anderes Mal. Glauben Sie, Herr Hirschfeld, daß Sie in meiner Wohnung sicher sind?"